Ukraine: „Ehrenpatriarch“ Filaret verstorben
Das langjährige Oberhaupt der Ukrainischen Orthodoxen Kirche – Kyjiwer Patriarchat und „Ehrenpatriarch“ der Orthodoxen Kiche der Ukraine (OKU) Filaret (Denysenko), ist am 20. März 97-jährig verstorben. Die Trauerfeierlichkeiten unter der Leitung von Metropolit Epifanij (Dumenko), dem Oberhaupt der OKU, fanden im Kloster des Erzengels Michael in Kyjiw statt, bestattet wurde Filaret in der Krypta der Volodymyr-Kathedrale. Hunderte Menschen nahmen im Michaelskloster Abschied vom früheren Patriarchen, Tausende Geistliche und Gläubige nahmen an der Prozession vom Kloster zur Kathedrale teil.
Filaret leitete ab 1966 das ukrainische Exarchat der Russischen Orthodoxen Kirche (ROK), zunächst als Erzbischof, dann als Metropolit, wobei er auch Mitglied des Hl. Synods der ROK war. Nach dem Tod von Patriarch Pimen war Filaret 1990 einige Monate Verwalter des Moskauer Patriarchenstuhls. Im gleichen Jahr wurde das ukrainische Exarchat in eine selbstverwaltete Kirche – die Ukrainische Orthodoxe Kirche (UOK) – umgewandelt, zu deren Oberhaupt Filaret von der Bischofsversammlung der UOK gewählt wurde. Im Zuge der Unabhängigkeit der Ukraine berief Filaret 1991 ein Konzil der UOK ein, das sich einstimmig für die Autokephalie der Kirche aussprach. Dagegen wehrte sich die Leitung der ROK, 1992 enthob sie ihn seines Amtes und erkannte ihm seinen geistlichen Rang ab. Diesen Entscheid akzeptierte Filaret nie und gründete daraufhin die Ukrainische Orthodoxe Kirche – Kyjiwer Patriarchat (UOK–KP), der er ab 1995 als Patriarch vorstand, die jedoch von den orthodoxen Lokalkirchen nicht anerkannt wurde.
2018 schlossen sich die UOK–KP und die ebenfalls unkanonische Ukrainische Autokephale Orthodoxe Kirche (UAOK) zur OKU zusammen, diese erhielt kurz darauf vom Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios die Autokephalie. Zum Oberhaupt der neuen OKU wurde Metropolit Epifanijbestimmt, Filaret wurde ihr „Ehrenpatriarch“. Mit dieser Rolle und der Leitung der Gemeinden und Klöster der Eparchie Kyjiw war Filaret jedoch nicht zufrieden und versuchte das Kyjiwer Patriarchat wiederzubeleben. Die OKU entzog ihm daraufhin die Kontrolle über die Eparchie Kyjiw, aber er blieb Teil des Episkopats der OKU. Im Sommer 2019 organisierte Filaret ein „Landeskonzil“ der UOK–KP, an dem ihre Auflösung widerrufen wurde.
Metropolit Epifanij wies der Persönlichkeit und den „zahlreichen guten Taten“ des verstorbenen Patriarchen einen „besonderen Platz“ in der Geschichte der orthodoxen Kirche der Ukraine und der Ukraine insgesamt zu. Er habe viel für die „Bewahrung des kirchlichen Lebens“ in der Sowjetzeit, zur Zeit der „spirituellen Wiedergeburt der Ukraine“ und den „Jahren des Kampfs um die Bestätigung der kirchlichen Autokephalie“ getan. Auch am Zustandekommen des Vereinigungskonzils 2018 sei er maßgeblich beteiligt gewesen. Ungeachtet der „folgenden, allen bekannten schwierigen Ereignisse“ habe er immer die Verdienste Filarets für die Entwicklung der Kirche gewürdigt. Dabei verwies er auf ein kürzliches Treffen und gemeinsames Gebet mit dem Verstorbenen.
Großerzbischof Sjatoslav (Schevtschuk), das Oberhaupt der mit Rom verbunden Ukrainischen Griechisch-Katholischen Kirche (UGKK), übermittelte Metropolit Epifanij sein Beileid und seine tiefe Trauer. Er hob Filarets Rolle als Hirte hervor, seine Worte und Taten hätten ihm Autorität in der Gesellschaft gesichert, weshalb „führende Politiker und Geschäftsleute“ auf ihn gehört hätten. Er habe das spirituelle und kulturelle Erbe der Ukrainerinnen und Ukrainer geschützt und ihre Rechte und Freiheiten leidenschaftlich verteidigt. Die Ukraine verdanke seinem Charisma und seiner Glaubenstreue ihre autokephale Kirche, so Svajtoslav weiter.
Der ukrainische Präsident Volodymyr Zelenskyj, der auch an der Trauerfeier teilnahm, schrieb auf Facebook über den „großen Verlust“ der Ukrainer. Filaret sei eine starke Persönlichkeit und einer der „standfestesten Verteidiger der ukrainischen Kirche und unserer Unabhängigkeit und Staatlichkeit“ gewesen. Ohne seine „Energie, Persönlichkeit und Mut“ wären viele Errungenschaften der Ukraine nicht möglich gewesen. Die Menschen der Ukraine würden seinen Beitrag zur Entwicklung der Kirche immer würdigen.
Das Kyjiwer Patriarchat schrieb, dass Filaret ein riesiges spirituelles Erbe hinterlasse und als einer der größten Hierarchen der Ukrainischen Orthodoxen Kirche und spirituellen Anführer des ukrainischen Volks in die Geschichte eingehen werde. Gleich nach Filarets Tod wählte die UOK–KP Erzbischof Nikodim (Kobzar) von Sumy zu ihrem neuen Patriarchen. Nikodim ist für sein sehr schlechtes Verhältnis zur Führung der OKU, insbesondere zu Metropolit Epifanij und Metropolit Jevstratij (Zorja) bekannt. An der Wahl, die online durchgeführt wurde, nahmen jedoch nur sieben von zwölf Hierarchen der UOK–KP teil. Erzbischof Andrej (Marutsak) von Belotserkov, der Geschäftsführer der UOK–KP, begründete seine Verweigerung der Teilnahme mit Verstößen gegen das Wahlprozedere. Daraufhin wurde er von seinen Pflichten entbunden und ist nicht länger ständiges Mitglied des Hl. Synods der UOK–KP.
Am 23. März nahm Metropolit Epifanij die Volodymyr-Kathedrale, die der UOK–KP als Hauptkirche gedient hatte, in den Bestand der OKU auf. Dies entspreche den Wünschen der Geistlichen der Kathedrale. Filaret hatte zum Dank für seine Verdienste bei der Gründung der OKU das lebenslange Recht erhalten, in der Volodymyr-Kathedrale die Liturgie zu feiern und weiter in seiner Residenz zu leben. Rechtlich waren Filarets Residenz und die Kirche im Zug des Vereinigungskonzils an die OKU übergegangen. (NÖK)

Patriarch Filaret von der Ukrainischen Orthodoxen Kirche – Kyjiwer Patriarchat ist in hohem Alter gestorben. Er war eine prägende religiöse Persönlichkeit mit unbestrittenen Verdiensten, aber auch vielen Ambivalenzen.
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