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Bedeutend, aber umstritten – Zum Tod von Patriarch Filaret

26. März 2026

Alfons Brüning

Am 20. März 2026 ist Filaret (Denysenko), Oberhaupt der Ukrainischen Orthodoxen Kirche – Kyjiwer Patriarchat (UOK–KP) im Alter von 97 Jahren gestorben.

Mit seinem Tod geht sinnbildlich eine Epoche zu Ende. Im Grunde war das schon mit der Errichtung der autokephalen, vom Ökumenischen Patriarchat in Konstantinopel unterstützten Orthodoxen Kirche der Ukraine (OKU) im Jahr 2019 der Fall, als die UOK–KP eigentlich aufgehoben worden war. Die OKU vereinigte in sich, so wie seinerzeit von Konstantinopel geplant, die zwei zuvor existierenden „nationalen“ orthodoxen Kirchen in der Ukraine – Filarets UOK–KP und die kleine Ukrainische Autokephale Orthodoxe Kirche (UAOK) –, sowie einen Teil der formell unter Moskauer Jurisdiktion stehenden Ukrainischen Orthodoxen Kirche (UOK), deren Mehrheit sich allerdings der Vereinigung verweigerte. Während die UOK–KP damit offiziell aufhörte zu existieren, erhielt Filaret, bereits damals hochbetagt, den Titel eines „Ehrenpatriarchen“ der neuen Kirchenstruktur.

Frühe Karriere im Moskauer Patriarchat
In der nach 1991 unabhängigen Ukraine war Filaret eine der zentralen, freilich auch immer umstrittenen Figuren der religiösen Szenerie im neuen Staat gewesen. Die wesentlich durch seine Initiativen entstandene UOK–KP stand zuerst und vor allem für eine von Moskau unabhängige, geradezu antirussische ukrainische Kirche.

Dabei hatte Filaret einen Großteil seiner Karriere eigentlich innerhalb der Kirche des Moskauer Patriarchats erlebt. Der Moskauer Patriarch Kirill war über lange Jahre gleichsam sein großes Gegenüber, und wie dieser war der um ein paar Jahre ältere Filaret zunächst als „sowjetischer Bischof“ sozialisiert worden. Das bedeutet eine gewisse Nähe zum Staat, Interesse an gesellschaftlichen Fragen, internationale Vernetzung und politisches Geschick, aber auch ein eher schulmäßiges, traditionell-bewahrendes Verhältnis zu theologischen Fragen.

Filaret, geboren als Michajlo Antonovytsch Denysenko im Jahr 1929, stammte aus einer Arbeiterfamilie im Donbas. Nach Studien am Geistlichen Seminar in Odesa und an der Moskauer Geistlichen Akademie wurde er 1950 mit dem Namen Filaret zum Mönch und Priester geweiht. Danach war Filaret Dozent und Studienleiter an verschiedenen geistlichen Hochschulen und Seminaren, so in Saratow und in Moskau. Filaret gehörte ab 1961 – dem Jahr des Beitritts der Russischen Orthodoxen Kirche (ROK) zum Ökumenischen Rat der Kirchen – zu einer neuen Generation russisch-orthodoxer Geistlicher mit internationalen Aktivitäten, freilich nicht ohne gleichzeitigen Kontakt zu den staatlichen sowjetischen Behörden. So war er zeitweise Gesandter im Nahen Osten, beim Patriarchat von Alexandria, später Bischof der Russischen Orthodoxen Diözese von Wien und Österreich. In den späten 1970er und den 1980er Jahren vertrat er das Moskauer Patriarchat bei der Prager Christlichen Friedenskonferenz – einer Organisation, die zu dieser Zeit als besonders kommunistisch unterwandert galt. Ab 1967 war Filaret Metropolit von Kyjiw.

Als Inhaber eines der renommiertesten Bischofsämter wurde Filaret nach dem Tod von Patriarch Pimen im Jahr 1990 kurzzeitig kommissarisches Oberhaupt der ROK. Bei der anschließenden Patriarchenwahl unterlag er jedoch Bischof Alexej (Ridiger) von Tallinn und Estland.

Immer noch im Amt als Metropolit von Kyjiw verließ Filaret 1992 die ROK und gründete die Ukrainische Orthodoxe Kirche – Kyjiwer Patriarchat. Erste Patriarchen waren die aus der Diaspora heimgekehrten, bereits betagten Mstyslav (Skrypnyk) und Volodymyr (Romanjuk). Nach deren Tod wurde 1995 Filaret selbst Patriarch. Eine zeitweise diskutierte Vereinigung mit der ebenfalls aus der Diaspora heraus entstandenen UAOK scheiterte an kanonischen Fragen, aber auch an Filarets Ambitionen. In Moskau verfolgte man seine Absetzungsbewegungen mit wachsender Unzufriedenheit, und 1997 belegte ihn der Hl. Synod der ROK mit der Exkommunikation – die Filaret allerdings direkt für nichtig erklärte, da er sich keiner Verstöße gegen die Glaubenstradition der Kirche schuldig gemacht habe.

Prägende kirchliche Gestalt in der unabhängigen Ukraine
Filaret suchte auch in der unabhängigen Ukraine stets die Nähe zum Staat, und namentlich zu proukrainischen Präsidenten wie Leonid Kravtschuk, Viktor Juschtschenko oder Petro Poroschenko. Er war Träger einer Reihe von erst sowjetischen, dann hohen ukrainischen Auszeichnungen. Präsident Poroschenko ernannte ihn im Januar 2019 zum „Helden der Ukraine“, seinerzeit der höchste staatliche Orden. An den Feiertagen zur ukrainischen Unabhängigkeit in der unter staatlicher Verwaltung stehenden Sophienkathedrale im Zentrum von Kyjiw war Filaret meistens an der Seite der Präsidenten zu sehen. Er unterstütze 2014 die Proteste des Euromajdan und verurteilte wiederholt und scharf die Annexion der Krim und die Besetzung der östlichen Gebiete um Donezk und Luhansk durch russische und russlandfreundliche Einheiten.

Da er sich stets beim Patriarchat von Konstantinopel um die Anerkennung der UOK–KP bemüht hatte, begrüßte er 2018 zunächst dessen Initiative, die verschiedenen orthodoxen Jurisdiktionen unter dem Dach einer vereinigten ukrainischen, vom Ökumenischen Patriarchat anerkannten Kirche zusammenzuführen. Nur wenige Monate nach der Verleihung der Autokephalie und nach Amtsantritt des neuen Metropoliten (nicht Patriarchen) Epifanij (Dumenko) wandte sich Filaret, der in der neu etablierten Kirchenstruktur den Titel eines „Ehrenpatriarchen“ verliehen bekommen hatte, gegen diese und ihr neues Oberhaupt. Die OKU sei aufgrund ihrer Entstehungsbedingungen und der damit verbundenen Abhängigkeit von Konstantinopel illegitim, die Kirche des Kyjiwer Patriarchats bestehe fort. „Ich bleibe Patriarch“, wurde Filaret zitiert und stand nach kurzem Konflikt an der Spitze einer kleinen Separatkirche, noch immer unter dem Namen „Kyjiwer Patriarchat“. 2021 gehörten zu dieser Kirche ein Metropolit, zwei Erzbischöfe und zehn Bischöfe. Wie viele Gemeinden sich noch zu ihr zählen, ist anhand ihrer offiziellen Webseite nicht zu ermitteln.

In seinen theologischen und gesellschaftlichen Ansichten war Filaret konservativ. Die Corona-Pandemie erklärte er als eine Strafe für das Ausbreiten der Homo-Ehe und die Legalisierung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften. In ihren theologischen Grundlagen und ihrer Struktur glich die Kirche des Kyjiwer Patriarchats bis zuletzt weitgehend der ROK, der sie einst unterstanden hatte. Filaret hielt alle Zügel selbst in der Hand. Seine Autorität sowie seine organisatorischen und administrativen Fähigkeiten wurden respektiert, aber theologische oder ekklesiologische Innovationen waren mit ihm nicht möglich. In ihrem historischen Narrativ blieb die Kirche des Kyjiwer Patriarchats dem vor allem aus der Diaspora übernommenen Bild einer durchgehenden Linie ukrainischer Kirchengeschichte verhaftet, die sich seit der Taufe von Fürst Volodymyr im 10. Jahrhundert bis in die Gegenwart zieht – wiederum ganz im Kontrast zum Moskauer Narrativ.

Filaret war zeitlebens eine Figur öffentlichen Interesses, aber dabei blieb seine Persönlichkeit immer seltsam blass. Gerüchte sollten die Lücke füllen, die aber nie bestätigt oder widerlegt wurden. Die Gerüchte illustrieren aber auch die Kritik, die er stets auf sich zog. Sein Status als eine Art informeller Mitarbeiter des sowjetischen KGB wurde in der unabhängigen Ukraine erstaunlich früh bekannt, schneller als bei seinen früheren Moskauer Mitgeistlichen, aber von ihm nie kommentiert. Dasselbe gilt für die nie verstummenden Geschichten über sein nicht ganz den kanonischen Vorschriften entsprechendes Privatleben. Auch dass sein Schritt zur Etablierung einer eigenen ukrainischen Kirche allein aus persönlicher Verstimmung darüber erfolgt sei, bei der Wahl zum russischen Patriarchen übergangen worden zu sein, blieb ein Gerücht. Ein Machtmensch war Filaret aber ohne Zweifel bis zuletzt.

Filaret wurde am 22. März begraben. Die OKU nahm seinen Tod zum Anlass für eine versöhnliche Geste. Am 28. März leitete Metropolit Epifanij in der Volodymyr-Kathedrale in Kyjiw einen Gedenkgottesdienst, dem auch zahlreiche weitere Bischöfe der OKU beiwohnten. Auch einer der Bischöfe der (erneuerten) Kirche des Kyjiwer Patriarchats war anwesend, nahm aber nicht aktiv teil.

Alfons Brüning, Dr., a. o. Professor für „Orthodoxie, Menschenrechte, Friedensstudien“, Protestantse Theologische Universiteit Utrecht; Direktor des Instituts für Östliches Christentum, Radboud Universiteit Nijmegen, Niederlande.

Bild: Patriarch Filaret (Denysenko) 2018. (Foto: Culture and Life, CC BY 3.0)