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Der Patriarch zweier Epochen: Katholikos-Patriarch Ilia II. von Georgien

26. März 2026

Sophie Zviadadze

Am 17. März ist im Alter von 93 Jahren und im 49. Jahr seit seiner Inthronisation Ilia II., Katholikos-Patriarch von ganz Georgien, Erzbischof von Mzcheta-Tbilissi und Metropolit von Bitschwinta und Zchum-Abchasien verstorben.

Bei der Würdigung des Patriarchen waren die am häufigsten verwendeten Begriffe „Epoche“ und „epochal“: „eine Epoche hat geendet“, „eine epochale Figur“, „Abschied von einer Epoche“. Religiöse wie nichtreligiöse Personen, Bewunderer wie Kritiker benutzten diese Ausdrücke, um das Ausmaß von Ilias Einfluss auf die Kirche und die georgische Gesellschaft zu verdeutlichen. Der Patriarch war keine unumstrittene Figur, doch war er zweifellos eine der einflussreichsten Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens im postsowjetischen Georgien. Der verstorbene Katholikos genoss laut allen Umfragen das höchste Maß an öffentlichem Vertrauen. Die Quelle seiner Autorität lag nicht nur an seinem Charisma oder seinem breiten Wissen und vielfältigen Interessen. Seine Popularität, zusammen mit kontroversen Aspekten, wurde auch von seiner politischen Fähigkeit geprägt, in turbulenten Zeiten ein stabiles öffentliches Image zu bewahren und über zwei Epochen – die sowjetische und postsowjetische Zeit – hinweg ein einflussreicher Patriarch zu bleiben. Beide Epochen sind mit der Stärkung und dem Wachstum der Kirche verbunden. Dabei unterschied sich die Art des Aufstiegs, und dementsprechend unterschieden sich auch die Tätigkeit des Patriarchen und sein öffentliches Image.

Erneuerung der Kirche zu sowjetischer Zeit
Der Patriarch wurde als Irakli Ghuduschauri-Schiolaschwili am 4. Janar 1933 in Wladikawkas geboren. Getauft wurde er in der dortigen georgischen Kirche von Archimandrit Tarasi, dem früheren Sekretär von Katholikos-Patriarch Kyrion II.[1] Allein die biographischen Daten verdeutlichen den raschen Aufstieg des zukünftigen Kirchenoberhaupts: Im Alter von 24 Jahren, 1957, wurde er zum Mönch geweiht. 1960 schloss er sein Studium an der Moskauer (Zagorsk) Theologischen Akademie ab. 1961 war er schon Archimandrit. 1963 wurde er zum Bischof von Batumi-Schemokmedi geweiht, 1967 zum Bischof Zchum-Abchasien. Er diente als erster Rektor des Theologischen Seminars in Mzcheta (1963–1972). Von 1978 bis 1983 war er einer der damals sechs Präsidenten des Ökumenischen Rats der Kirchen. 1977 wurde er zum Katholikos-Patriarchen von ganz Georgien gewählt.

Ab dieser Zeit sprechen Kirchenhistoriker von einer Erneuerung der Kirche, da der junge Patriarch begann, Gläubige für die Kirche zu gewinnen, vor allem junge Menschen, Mitglieder der Intelligenzija und Akademiker. Dank seiner persönlichen Qualitäten, seiner Diplomatie und seines Charismas sowie im Zuge umfassenderer politischer Veränderungen erreichte er Ziele, die in der Georgischen Orthodoxen Kirche (GOK) während der Sowjetzeit bis dahin unmöglich waren: die Zahl der Geistlichen stieg; theologische Sammlungen und Zeitschriften wurden veröffentlicht; die Bibel wurde ins moderne Georgisch übersetzt; der Grundstein für die Theologische Akademie Tbilissi wurde gelegt; und 1990 erhielt die GOK den Tomos, die endgültige Anerkennung ihrer Autokephalie durch das Ökumenische Patriarchat von Konstantinopel. Letzteres ist vielleicht die Krönung dieser Phase von Ilias Patriarchat. Sie drückte auch symbolisch den Erfolg der Kirchenleitung zu jener Zeit aus. Es war eine Zeit, die von der Herausbildung der Kirche als unpolitische, spirituelle, kulturelle und nationale Institution geprägt war.

Populärer Patriarch nach dem Systemumbruch
Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und der Erlangung der georgischen Unabhängigkeit wurde das Image des Patriarchen und der Kirche weiterhin vom Schatten der sowjetischen Vergangenheit begleitet. Ilia gelang es nicht nur, das Vertrauen in die Kirche innerhalb bestimmter Gesellschaftskreise wiederherzustellen, sondern es auch auszuweiten und zum wahrhaft populären (Volks-)Patriarch zu werden. In der schwierigen Zeit des Systemwandels und politischen Misstrauens wurden der Patriarch und die Kirche in der öffentlichen Wahrnehmung als die einzig vertrauenswürdige Institutionen angesehen. In sich wandelnden politischen Verhältnissen gelang es dem Patriarchen, sowohl in der öffentlich-politischen Sphäre präsent zu bleiben als auch das Vertrauen der Öffentlichkeit zu bewahren. Diese Zeit war von einer gestiegenen Religiosität in der Gesellschaft sowie von einem wachsenden Einfluss der orthodoxen Kirche als öffentliche Institution geprägt. Über die religiöse Seelsorge hinaus erlangte die Kirche den Status einer Hüterin der nationalen Idee. Einerseits war dies wichtig für die gesellschaftliche Konsolidierung, insbesondere in einer Zeit eines ideologischen Vakuums. Andererseits schuf es eine diskursive Realität, in der religiöse Vielfalt als Bedrohung wahrgenommen wurde.

Das postsowjetische Patriarchat wird ebenfalls mit Begriffen einer „Stärkung der Kirche“ beschrieben, es unterscheidet sich jedoch von der vorherigen Epoche. Es steht für die Ausweitung der kirchlichen Macht in ideologischer, finanzieller und gesellschaftlicher Hinsicht. Während dieser Zeit nahm inmitten der verbreiteten Popularität eine Art Kult um den Patriarchen Gestalt an. Aus diesem Grund versuchte die politische Klasse ständig, das Vertrauen der Öffentlichkeit zu gewinnen, indem sie Loyalität gegenüber dem hoch angesehenen Patriarchen demonstrierte. Als Gegenleistung für diese Nähe profitierte die Kirche von finanziellen, legislativen und anderen Privilegien. Die „Nähe der zwei Mächte“ war stets umstritten und bestimmte die postsowjetische Periode von Ilias Amtszeit. Einerseits wurde die Kirche stärker und war von sowjetischen Formen der Steuerung befreit, andererseits wurde die Kirche selbst zu einer mächtigen, bisweilen monopolistischen Institution.

In den Ansichten des Patriarchen lassen sich liberale und konservative theologische Perspektiven finden, ökumenische und isolationistische Tendenzen sowie konsolidierende als auch ausgrenzende Positionen. Zu seiner Biografie gehört auch seine Rolle als öffentlicher Vermittler in Zeiten gesellschaftspolitischer Spannungen unter den Präsidentschaften von Eduard Schewardnadse und Micheil Saakaschwili. Dazu gehört auch sein fast ununterbrochenes Predigen von Versöhnung und Annäherung an die abchasischen und ossetischen „Brüder“, wodurch er eine besondere friedensstiftende Erinnerung konstruierte. Gleichzeitig umfasst die Biografie des Patriarchen die offiziellen, rigiden Positionen der Kirche, die radikale Aktionen von ultrakonservativen nationalistischen Gruppen ermutigten.

Mehrdeutiges Vermächtnis
Der Tod des Patriarchen und die letzten Jahre, in denen er aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr öffentlich auftrat, fielen mit einer schwierigen politischen Situation in Georgien zusammen: demokratische Rückschritte, eine Verschiebung zu einer autoritären Regierungsform, gesellschaftliche Polarisierung und die Aussetzung des europäischen Integrationsprozesses durch die regierende politische Partei. Vor dem Hintergrund dieser radikalen Veränderungen begann die Nähe zwischen Kirche und Staat, die zuvor ein Privileg für die Kirche gewesen war, zu einem Risiko zu werden: die Gefahr, die Autonomie zu verlieren und Teil der politischen Umstände zu werden. In diesem Zusammenhang ist bemerkenswert, dass viele bereits an seinem Todestag an die offizielle Unterstützung des Patriarchen für Georgiens Weg zur europäischen Integration erinnerten, ebenso an seine Glückwunschbotschaft und seine öffentliche Stellungnahme 2017 anlässlich der Unterzeichnung des Assoziierungsabkommens mit der EU.

Ilias facettenreiche und vielfältige Amtszeit wird nach seinem Tod eine neue öffentliche und politische Bedeutung erlangen. Wie schon zu seinen Lebzeiten werden viele versuchen, seinen Namen zu Legitimationszwecken zu benutzen, insbesondere in Zeiten von Autoritäts- und Legitimationskrisen. Ilia nahm stets einen wichtigen Platz in der politischen Landschaft ein und prägte diese sogar mit. Daher ist es nicht verwunderlich, dass auch seine Beisetzung eine symbolische und politische Dimension hatte. An jenem Tag wurde die Gesellschaft einmal mehr an die Frage der Bewahrung der Souveränität der georgischen Kirche sowohl gegenüber dem politischen Establishment als auch der „unsichtbaren Hand“ der Russischen Orthodoxen Kirche erinnert. Deshalb war es sowohl bewegend als auch politisch bedeutsam, dass der Ökumenische Patriarch Bartholomaios nach Georgien kam und die Begräbnisriten für den verstorbenen Patriarchen durchführte. Über die religiöse Ehrerbietung hinaus hatte die Ankunft des Ökumenischen Patriarchen eine zusätzliche tiefgreifende symbolische Bedeutung für die Gesellschaft.

Vom Tag seines Todes führten die Bewertungen der Predigten, Handlungen und Positionen des Patriarchen zu einer Rashomon-artigen Vielfalt an Perspektiven. Mit der Zeit wird Klarheit eintreten, und es wird sich zeigen, was von seinem vielfältigen und mehrdeutigen Vermächtnis bestehen bleibt. Dies wird sich vor allem in der künftigen Gestalt der GOK widerspiegeln.

Sophie Zviadadze, Dr., Associate Professor für Religions- und Kulturwissenschaft an der Staatlichen Ilia-Universität in Tbilissi, Georgien.

Übersetzung aus dem Englischen: Natalija Zenger

[1] Kyrion II. (1855–1918) war der erste Katholikos-Patriarch von ganz Georgien nach der Wiederherstellung der Autokephalie der Georgischen Orthodoxen Kirche 1917. 1918 wurde er ermordet und 2002 vom georgischen Hl. Synod kanonisiert.

Bild: Katholikos-Patriarch Ilia II. von Georgien 2017. (Foto: CC0 1.0)