Litauen: Katholische Kirche will Missbrauch seit 1990 untersuchen
Die katholische Kirche in Litauen will Fälle von sexuellem Missbrauch Minderjähriger und schutzbedürftiger Erwachsener seit der Wiedererlangung der staatlichen Unabhängigkeit von der damaligen Sowjetunion im Jahr 1990 untersuchen. Wie die Untersuchung konkret ausgestaltet wird, ist noch offen. Die Litauische Bischofskonferenz warte nach ihrem Beschluss vorerst noch auf Vorgaben des Heiligen Stuhls, die innerhalb von einem halben Jahr erwartet werden, berichtet der litauische Rundfunk LRT.
Die Entscheidung der Bischöfe fiel demnach vor dem Hintergrund aktueller Strafverfahren gegen zwei Priester. In der Woche zuvor begann vor dem Regionalgericht Vilnius der Prozess gegen einen Geistlichen, dem 34 Straftaten vorgeworfen werden, darunter sexueller Missbrauch von Kindern und Kinderpornografie. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass sich die mutmaßlichen Taten über mehr als zwei Jahrzehnte erstreckten. Ein weiterer Priester muss sich zudem wegen des Besitzes pornografischen Materials vor Gericht verantworten.
Als die Vorwürfe gegen die beiden Priester im August öffentlich wurden, hatte Erzbischof Gintaras Grušas von Vilnius zunächst erklärt, für eine kircheninterne Untersuchung sei noch nicht der richtige Zeitpunkt gekommen. Diese Haltung stieß auf Kritik. Nun erfolgte der Beschluss der Missbrauchs-Untersuchung durch die Bischofskonferenz. Konkrete Details, wie diese ablaufen werde, könne er derzeit noch nicht nennen, sagte der Missbrauchspräventions-Beauftragte der Bischofskonferenz, Arūnas Poniškaitis. Straftaten gegen Minderjährige seien „inakzeptabel“, bekräftigte der Weihbischof von Vilnius: „In der Kirche sollte für jeden Menschen ein sicheres Umfeld herrschen“.
Welche Rolle externe Fachleute in Litauen bei der Untersuchung spielen werden, soll nach den Vorgaben aus Rom entschieden werden. Somit ist noch unklar, ob die Untersuchung unabhängig erfolgen wird oder nur als interne Prüfung durch die Kirche selbst. Experten wiesen gegenüber LRT darauf hin, dass es sich dabei um die entscheidende Frage handle; zudem gab es Warnungen, die Aufarbeitung auf eine Erfassung der Fälle zu beschränken. Es müsse auch untersucht werden, warum sexueller Missbrauch innerhalb der Kirche möglich gewesen sei, hieß es. Außerdem gibt es Forderungen, bei der Aufarbeitung die Zeit der sowjetischen Herrschaft einzubeziehen und das Verhältnis der Kirche zu den damaligen staatlichen Stellen zu untersuchen. (Quelle: Katholische Presseagentur Kathpress, www.kathpress.at)