Bulgarien: ESC-Sieg sorgt für Kontroversen unter Fundamentalisten und Nationalisten
„Heute bin ich bangaranga!“ – das postete der Metropolit von West- und Zentraleuropa der Bulgarischen Orthodoxen Kirche (BOK), Antonii (Michalev,) am 17. Mai auf seiner Facebookseite. In der Nacht zuvor hatte die bulgarische Sängerin Dara den Eurovision Song Contest (ESC) in Wien gewonnen. Dass die Aussage des Metropoliten keineswegs selbstverständlich war, zeigten die hitzigen Diskussionen in Bulgarien im Vorfeld des Wettbewerbs, nachdem bekannt geworden war, dass Dara mit diesem Lied Bulgarien beim diesjährigen ESC vertreten würde.
Insbesondere orthodoxe, aber auch protestantische Fundamentalisten kritisierten das Lied als Dämonenwerk. Am Vorabend des ESC-Finales appellierten die Gegner des Lieds in den Medien an die Bulgaren, auf keinen Fall ihre Stimme für dieses Lied zu geben. Während säkulare Kreise das Werk eher aus ästhetischer Sicht kritisierten oder das Lied als nicht repräsentativ für die bulgarische Kultur ansahen, hielten sich religiöse Fundamentalisten nicht mit hysterischen Qualifikationen zurück: Bangaranga sei ein satanisches Lied, durchdrungen von bösen Geistern, es sei ein Werk des heidnischen Neoliberalismus. Die bulgarische Gesellschaft riefen sie auf, keine weiteren Todessünden zu begehen, nachdem sie schon der allerschlimmsten Sünde – der Russophobie – verfallen sei. Diese Sünde klebe wie das Zeichen Kains, ja sie sei der Sünde Judas’ gleich, der Jesus verraten hat, denn man habe Russland verraten.
Es wurden die üblichen antieuropäischen Narrative verbreitet: der ESC sei eine Demonstration der europäischen Dekadenz, von Gayropa, der Perversion. Zum Teil kann man diese der russischen Propaganda zuordnen, wie das Beispiel mit der obersten Todsünde, der Russophobie, zeigt. Auch erkennt man ein wiederkehrendes Muster in den Anschuldigungen an Veranstaltungen wie den ESC oder die Olympischen Spiele in Paris, von denen Russland ausgeschlossen wurde. Konstantin Nuschev, Theologieprofessor an der Universität Sofia, sieht hierin einen längerfristigen Prozess, mit dem der Kreml versuche, den osteuropäischen Nationen durch die Propagierung eines antimodernen und antieuropäischen Traditionalismus als Ersatz für eine zeitgenössische nationale Identität eine neue kulturelle Identität aufzuzwingen. Diese Entwicklung bewertet er als eine Art kulturellen Krieg gegen die moderne Demokratie.
Andererseits ist es nicht zu verkennen, dass viele fundamentalistische Gläubige sowohl unter den orthodoxen als auch unter den protestantischen Denominationen auch ohne die russische Propaganda eine ablehnende Haltung gegenüber der EU entwickeln. Ein Teil der antieuropäischen Narrative ist mit einer ausgeprägten Antiglobalisierungshaltung verbunden. Diese schafft eine Verbindung zu säkularen nationalistischen Kreisen, die die orthodoxe Kirche als ein Teil der nationalen Identität betrachten. Oft äußern beide Lager übereinstimmende Ansichten, in der Regel gegen die EU-Politik und für die Verteidigung der sog. traditionellen Werte und der nationalen Identität, wie zuletzt bei der Einführung des Euros.
Da die säkularen Nationalisten jedoch vom Sieg einer Vertreterin Bulgariens an so einer medienwirksamen internationalen Veranstaltung wie dem ESC begeistert waren, kam es dieses Mal zu einer Kollision der Narrative („Satanismus“ und „Verrat der bulgarischen Identität“ gegen „Sieg des bulgarischen Geistes“ und Popularisierung Bulgariens auf der internationalen Bühne).
Es wird erwartet, dass die Gastgeberrolle Bulgariens im Jahr 2027 noch heftigere Kontroversen auslösen wird, denn aus Sicht der Fundamentalisten wird die „Verderbtheit“ des Eurovision‑Wettbewerbs das Land überschwemmen. Schon jetzt kursieren Unterschriftensammlungen gegen diese Veranstaltung, da angeblich der ESC satanistische Rituale, Ausschweifung und eine völlige Missachtung der Moral verkörpere und damit Ideologien verbreite, die dem bulgarischen Lebensstil und der bulgarischen Kultur fremd seien.
Vladislav Atanassov