Polen: Geistliche der katholischen Kirche wenden sich gegen Hass auf Ukrainer
Polnische Geistliche haben sich öffentlich gegen verbale und physische Angriffe auf Ukrainerinnen und Ukrainer gewandt, die in der polnischen Öffentlichkeit seit Juli Schlagzeilen machen. Der Erzbischof von Krakau, Grzegorz Kardinal Ryś, veröffentlichte zu Mariä Himmelfahrt einen Hirtenbrief, in dem er die Gewalt gegen ukrainische Migrantinnen und Migranten verurteilte und an christliche und marianische Barmherzigkeit appellierte.
Am 12. August veröffentlichten „einfache Ordensschwestern und einfache Priester“ der römisch-katholischen Kirche zudem auf Facebook einen offenen Brief mit dem Titel „Menschenhass lässt sich nicht mit christlichen Werten rechtfertigen“ und riefen zur Verbreitung und öffentlichen Unterzeichnung des Briefes auf: „Allzu oft hören wir in Polen Worte, die weder ein Christ noch ein Patriot aussprechen sollte. […] Deshalb erheben wir unsere Stimme. Wir ermutigen Priester, Bischöfe und Ordensschwestern, in ihren Gemeinschaften mutig daran zu erinnern, dass Hass auf einen Menschen niemals eine christliche Rechtfertigung finden darf. Wir wissen, dass die Geschichte unserer Völker – des polnischen und des ukrainischen – schmerzhaft ist. Wir wissen, dass die Erinnerung an die Opfer Wahrheit, Gerechtigkeit und ein würdiges Gedenken fordert. Sie darf weder missachtet noch für kurzfristige politische Ziele instrumentalisiert werden. Die Wahrheit ist kein Hindernis für die Versöhnung – sie ist deren Voraussetzung. Gerade die Wahrheit über die Vergangenheit verlangt nach Versöhnung und Zusammenarbeit unserer Völker, um Feindseligkeiten zu verhindern, die zu einer Verletzung des moralischen Gesetzes führen.
Wir können nicht gleichgültig bleiben gegenüber dem großen Blutopfer, das das von Russland angegriffene ukrainische Volk derzeit zur Verteidigung seiner und unserer Freiheit erbringt. Ebenso fest glauben wir jedoch, dass die Erinnerung keine Rechtfertigung für Hass gegenüber den Menschen sein darf, die unter uns leben. […] Wir wollen kein Polen, in dem Menschen Angst haben, ihre eigene Sprache zu sprechen, ihr Kind zur Schule zu schicken oder eine ehrliche Arbeit aufzunehmen, nur weil sie jenseits der Grenze geboren wurden. Wir wollen keine Kirche, die schweigt, wenn die Würde des Menschen mit Füßen getreten wird. Patriotismus hat nichts damit zu tun, Feindseligkeit gegenüber anderen Völkern zu schüren. Die Liebe zum Vaterland drückt sich auch in der Verteidigung der ‚angeborenen Würde des Menschen, seines Rechts auf Freiheit und seiner Pflicht zur Solidarität mit anderen‘ aus.
Deshalb bitten wir alle: Wählt eure Worte mit Bedacht. Verbreitet keine Lügen. Schürt keine Verachtung. Reagiert, wenn ein Mensch erniedrigt wird. Lasst nicht zu, dass Angst und Wut uns die Fähigkeit nehmen, im anderen Menschen unseren Nächsten zu sehen. Lasst uns für die Wahrheit beten, die zur Versöhnung führt, für den Mut, den Hass abzulehnen, und für den Frieden zwischen unseren Völkern – einen Frieden, der nicht auf Vergessen, sondern auf Gerechtigkeit, Vergebung und gegenseitigem Respekt beruht.“
Bis zum 26. August wurde der Brief von 64 Geistlichen unterzeichnet. Dem Anliegen schloss sich auch Kardinal Stanisław Dziwisz, der von 2005 bis 2016 Erzbischof von Krakau gewesen war, an und forderte an Mariä Himmelfahrt dazu auf, die Gottesmutter um Frieden in Polen und der Ukraine zu bitten, die ukrainischen Flüchtlinge weiterhin zu unterstützen und einander für Fehler und Konflikte in der Vergangenheit um Vergebung zu bitten. Bischof Bohdan Dzyurakh von der Ukrainischen Griechisch-Katholischen Kirche (UGKK), der Apostolische Exarch für Ukrainer des byzantinischen Ritus in Deutschland und Skandinavien, dankte den polnischen Priester und Nonnen für den offenen Brief.
Die polnisch-ukrainischen Beziehungen werden derzeit vor allem von einer geschichtspolitischen Debatte um das sog. Wolhynien-Massaker von 1943 belastet, bei denen die Ukrainische Aufständische Armee (UPA) zehntausende Polen ermordet hatte. Im Jahr 2026 haben zudem Angriffe auf Ukrainer in Polen zugenommen. Nach Angaben der Mitte Juli veröffentlichten polnischen Polizeistatistik haben Ukrainer allein in der ersten Jahreshälfte 180 Anzeigen wegen Hassverbrechen eingereicht, was einer Zunahme um mehr als 30 Prozent gegenüber dem Vorjahr entspricht. Analysten und polnische Medien weisen auf die Kombination von verstärkter politischer Rhetorik, historischen Streitigkeiten und Desinformationen als Gründe für das Wachstum der antiukrainischen Stimmung in der polnischen Gesellschaft hin. Ende Juli hat die nordpolnische Stadt Sopot an der Ostsee eine Resolution gegen die antiukrainische Stimmung verabschiedet, in mehreren polnischen Städten fanden Solidaritätskundgebungen statt. Weitere Gemeinden wie zum Beispiel Danzig haben entsprechende Resolutionen angekündigt.
Regula M. Zwahlen