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Polen: Skandal um „Kreuz-Profanierung“ in Kielno

29. Januar 2026

Ein Vorfall im Englisch-Unterricht der 7. Klasse im polnischen Dorf Kielno hat Anfang Januar für Aufruhr in Polen gesorgt. Schüler und Eltern machten publik, dass eine Englisch-Lehrerin im Dezember während des Unterrichts ein Kreuz in den Mülleimer geworfen habe. Daraufhin fand am 8. Januar vor der Schule eine Mahnwache mit Politikern zur Verteidigung des Kreuzes im öffentlichen Raum statt. Am 7. Januar publizierte der Danziger Erzbischof Tadeusz Wojda eine Stellungnahme, in der er eine Aufklärung der Angelegenheit forderte und denjenigen dankte, die in der Kirchgemeinde eine öffentliche Kreuzverehrung zur Wiedergutmachung der Kreuzprofanierung organisiert hatten. Am 9. Januar publizierte auch die Kommission für katholische Erziehung der Polnischen Bischofskonferenz eine Stellungnahme, in der sie von den staatlichen Institutionen Maßnahmen zur Achtung und gegen die Profanierung des Kreuzsymbols forderte. Die Kommission dankte allen, die „mutig das Kreuz verteidigt haben“ und verwies auf die Gewissens- und Religionsfreiheit in der polnischen Verfassung.

Die Lehrerin wurde bis zur Klärung der Angelegenheit vom Dienst freigestellt und ein Disziplinarverfahren gegen sie angestrengt. Der Gemeindevorsteher bat darum, die Verbreitung von Spekulationen zu vermeiden, den Schülern stehe psychologische und pädagogische Hilfe zur Verfügung. Am Tag der Mahnwache wurde der Schulunterricht aus Sicherheitsgründen ausgesetzt. Daran nahmen vor allem Politiker des rechten Spektrums teil: Robert Bąkiewicz, u.a. Leiter der 2025 gegründeten „Grenzschutzbewegung“, sowie Vertreter der Parteien Recht und Gerechtigkeit (PiS), der Konföderation der Polnischen Krone, der Polnischen Zeitung in Danzig und der Föderation der Kämpfenden Jugend. Sie trugen Plakate mit den Losungen „Der Glaube ist unser Fundament“, das „Kreuz ist das Symbol unseres Glaubens“ und „Stopp der Immigration“. Die beiden Schüler, die den Vorfall publik gemacht hatten (wobei nur einer im Unterricht anwesend gewesen und Teil der Klasse war), wurden von ihnen als „wahre Helden“ gefeiert.

Das Webportal oko.press recherchierte folgende Fakten: Beim von der Polizei konfiszierten Kreuz handelte sich um ein 24cm langes bronzenes Plastikkreuz, das man im Internet für knapp 4 Euro bestellen kann und vom Anbieter als Accessoire für einen sog. „Allerheiligen-Ball“ (man lese: Halloween-Party) präsentiert wird, um „einen Priester, Mönch, Papst oder eine Nonne“ darzustellen. Am 9. Januar äußerte sich auch die Lehrerin erstmals öffentlich: „Ich habe ein Accessoire eines Halloween-Kostüms weggeworfen, mit dem die Kinder gespielt hatten, und das sie dann über dem Hamsterkäfig aufgehängt hatten – an die Stelle, wo zuvor eine Uhr hing. Ich respektiere religiöse Gegenstände und würde niemals ein Kreuz wegwerfen, das den Glauben symbolisiert. Mir ist sehr schwer zumute, weil eine Welle von Hass auf mich losgebrochen ist, Hassreden, die in den Medien verbreitet werden, ohne die Fakten zu überprüfen, ohne jegliche Verifizierung, ohne auf eine Erklärung dieser Situation zu warten. Ich bin schockiert, dass man einem anderen Menschen so etwas antun kann. […] Es handelt sich um ein Missverständnis, und Politiker nutzen es, um ihre Interessen und Positionen zu stärken. [...] Die Wand über dem Hamsterkäfig wäre meiner Meinung nach ein Ort, der das Objekt religiöser Verehrung beleidigt. Sein Platz sollte hoch oben sein, neben dem Wappen oder möglicherweise über der Tür. Aber ich wiederhole: Dieses Objekt, das von den Kindern aufgehängt wurde, war Teil eines Cosplay-Kostüms. [...] Niemand hat jemals zu ihm gebetet.“

Jakub Sewerynik, selbst Lehrer, kommentierte am 15. Januar in der katholischen Zeitschrift Więż: „Die Lehrerin, die Opfer einer Hetzkampagne wurde, stand ganz allein dem Staatsapparat, der Hierarchie der Kirche, Politikern und gesellschaftlichen Akteuren und sogar ihren eigenen Nachbarn gegenüber. Gibt es jemanden, der ihr psychologische Unterstützung anbietet und sich um ihr Recht auf Verteidigung kümmert? Interessant ist, dass die Hierarchie der katholischen Kirche entschiedene Maßnahmen und Erklärungen in der Angelegenheit des Plastikkreuzes erwartet. Schade, dass sie nicht zumindest einen Teil dieser Energie darauf verwenden, Fälle von häuslicher Gewalt, Pädophilie, Aggression und Hass aufzuklären!“

Regula M. Zwahlen