Litauen: Behörden besorgt über russischen Einfluss auf orthodoxe Kirche
In einer neuen Einschätzung der nationalen Sicherheitslage haben die litauischen Geheimdienste darauf hingewiesen, dass das Orthodoxe Erzbistum Litauen noch immer vom Moskauer Patriarchat abhängig sei, auch wenn es sich laut eigenen Angaben um mehr Autonomie bemühe. Der litauische Außenminister Kęstutis Budrys erklärte daraufhin, dass „Aktivitäten von russischen Sicherheitsdiensten“ innerhalb der orthodoxen Kirche in Litauen von den Behörden verhindert werden müssten. Dabei verglich er die Kirche mit einem Unternehmen, bei dem im Fall von Investitionen in kritischen Sektoren ebenfalls die nationalen Sicherheitsinteressen Litauens berücksichtigt würden und dem im Fall von Verbindungen mit russischen Geheimdiensten beispielsweise kein Immobilienbesitz in der Nähe strategischer Anlagen erlaubt würde. Die Behörden sollten Individuen, die in der Kirche nach Einfluss strebten, „sorgfältig entfernen“, sagte der Außenminister weiter.
Der Nationale Sicherheitsberater des litauischen Präsidenten, Deividas Matulionis, warnte davor, die orthodoxe Kirche pauschal als Bedrohung für die nationale Sicherheit zu etikettieren. Die Sicherheitsdienste sollten sich auf einzelne Personen konzentrieren, bei denen der Verdacht bestehe, dass sie für russische Sicherheitskräfte rekrutierten oder andere Formen der Sabotage oder Destabilisierung betrieben. Es sollte nicht die Kirche als Ganzes beziehungsweise die gesamte Religionsgemeinschaft verdächtigt werden.
Das Erzbistum wies die Verdächtigungen in einem Kommentar auf seiner Website zurück, es sei keine „Filiale einer ausländischen religiösen Organisation“. Die Verbindung zum Moskauer Patriarchat sei rein kanonisch, sie habe nichts mit der aktuellen Politik eines beliebigen Landes zu tun, sondern sei eine Frage der kirchlichen Tradition und religiösen Identität. Das Erzbistum verwies darauf, dass es sich um einen Status als autonome Kirche bemühe, wobei bereits jetzt alle Entscheidungen in Litauen getroffen würden. Weiter betonte es, dass es sich seit dem Beginn der russischen Großinvasion in der Ukraine klar gegen den Krieg positioniert und den Angriff verurteilt habe. In allen seinen Gemeinden seien Geflüchtete aus der Ukraine zu vollwertigen Mitgliedern geworden, das wäre kaum geschehen, wenn in seinen Kirchen der „ideologische Einfluss des Kremls“ verbreitet würde.
Das Erzbistum hatte sich an einer Kirchenversammlung Anfang 2023 dafür ausgesprochen, sich weiterhin um größere Unabhängigkeit vom Moskauer Patriarchat zu bemühen. Das Erzbistum ist Teil der Russischen Orthodoxen Kirche (ROK); ihr Oberhaupt, Metropolit Innokentij (Vasiljev) von Vilnius, hatte bereits im Juni 2022 das Moskauer Patriarchat in einem Brief um die Zuerkennung eines autonomen Status gebeten. Kirchen mit diesem Status – wie die orthodoxen Kirchen in Estland und der Republik Moldau sowie die Russische Auslandskirche – sind bei der Organisation ihres kirchlichen Lebens unabhängig, bewahren aber die kanonische Verbindung mit dem Moskauer Patriarchat. Parallel richtete das Ökumenische Patriarchat von Konstantinopel in Litauen ein eigenes Exarchat ein, das 2024 offiziell registriert wurde. (NÖK)