Polen: Film über kirchlichen Missbrauch erschüttert Polen

Nach dem Spielfilm „Klerus“ erschüttert erneut ein Film die katholische Kirche in Polen. Der Dokumentarfilm „Sag es bloß niemanden“ des Regisseurs Tomasz Sekielski thematisiert den sexuellen Kindesmissbrauch durch Priester. Der am 11. Mai auf der Videoplattform YouTube veröffentlichte Film ist seither über 21 Mio. Mal aufgerufen worden. Der Vorsitzende der Polnischen Bischofskonferenz, Erzbischof Stanisław Gądecki, entschuldigte sich bei den Betroffenen. Auch Papst Franziskus versicherte die Opfer seiner Solidarität.

In dem Dokumentarfilm erzählen Betroffene von ihren Erlebnissen und konfrontieren ihre ehemaligen Peiniger mit deren Taten, was teilweise mit versteckter Kamera aufgenommen wurde. Ursprünglich hatte kein TV-Kanal den Film, der durch Crowdfunding finanziert wurde, ausstrahlen wollen, erst das gewaltige Interesse bewirkte ein Umdenken. Mittlerweile hat ihn der große Privatsender TVN gezeigt.

Erzbischof Stanisław Gądecki bedankte sich unmittelbar nach Veröffentlichung des Dokumentarfilms in einer schriftlichen Stellungnahme bei dem Filmemacher für dessen Arbeit und entschuldigte sich sehr „im Namen der ganzen Bischofskonferenz bei allen geschädigten Personen“. „Bewegt und traurig“ habe er sich Sekielskis Dokumentation angeschaut. Der Grundtenor des Films decke sich mit seinen Erfahrungen, die er in vielen Gesprächen mit Geschädigten gewonnen habe. Der Film werde zur genauen Einhaltung der Richtlinien für den Schutz von Kindern und Jugendlichen in der Kirche beitragen.

Der für den Kinderschutz zuständige polnische Primas, Erzbischof Wojciech Polak, äußerte sich in einem eigenen Video „tief betroffen“ von den Schilderungen in dem Film: „Ich danke allen, die den Mut haben, von ihrem Leid zu erzählen.“ Er entschuldige sich für jede von Kirchenmitarbeitern zugefügte Wunde. In einem Interview bekräftigte er, dass er den Film nicht als Angriff auf die Kirche empfinde, im Gegenteil sei er ein weiterer Schritt im Kampf der Kirche gegen Pädophilie. Beide Erzbischöfe verwiesen auf die Bemühungen von Papst Franziskus und die Dringlichkeit des neuesten päpstlichen Dokumentes „Motu proprio“ über den Schutz von Minderjährigen und gefährdeten Personen vom 29. März.

Die katholische Zeitschrift Więź (Bund) berichtete bereits am 10. Mai über den Film, der nicht wie erwartet antiklerikal, sondern gut gemacht und durchdacht sei. Da die beschriebenen Taten aus den Medien schon länger bekannt seien, bestehe das Hauptverdienst darin, dass er den Opfern eine Stimme verleihe. Eine dramatische Neuheit sei die Konfrontation der Opfer mit ihren Peinigern mit versteckter Kamera: „Wir sehen die Unangemessenheit und das Unverständnis in den Augen ihrer Peiniger. Wir hören unerträgliche Erklärungsversuche für den sexuellen Missbrauch von Kindern und Minderjährigen mit väterlichen Gefühlen (!), mit spezifischem Humor, mit Versuchungen des Teufels oder dadurch, dass die Opfer es selbst wollten...“ Zu reden geben vor allem drei im Film porträtierte Personen: Priester Eugeniusz Makulski, langjähriger Domherr der Basilika der allerheiligsten Maria von Licheń, dem größten Gotteshaus Polens, ließ vor der Basilika zwei Denkmäler errichten: eines für sich und eines für Papst Johannes Paul den II. Die Liste seiner Opfer ist lang, das Urteil des Vatikans bleibt bisher geheim. Der im Februar verstorbene Priester Franciszek Cybuli ist als Seelsorger von Ex-Präsident Lech Wałęsa bekannt. Sein Opfer hatte ihn drei Monate vor seinem Tod bei der Danziger Kurie angezeigt, die für ihn einen Trauergottesdienst mit allen Ehren durchführte. Priester Dariusz Olejniczak war zwei Jahre wegen Belästigung von drei Mädchen in Haft gewesen und arbeitete danach trotz Verbot, wieder eine Tätigkeit mit Minderjährigen aufzunehmen, als Seelsorger und als Exerzitienbegleiter für Kinder in einer Pfarrgemeinde in Malbork. Er hat Papst Franziskus am 12. Mai um Aufhebung der Priesterweihe gebeten.

Konservative katholische Kreise in Polen verneinten dagegen eine Verantwortung der Kirche und reagierten mit Verschwörungstheorien: So publizierte die Plattform Radio Maryja Ausschnitte aus einem Interview mit der Medienwissenschaftlerin Hanna Karp, Dozentin an der privaten Hochschule für Sozial- und Medienkultur in Toruń (vom Radio Maryja-Gründer Tadeusz Rydzyk gegründet). Diese äußerte Zweifel an der Auswahl der Helden [gemeint sind die angeklagten Priester] des Filmes, denn die Mehrheit unter ihnen seien als „geheime Mitarbeiter der Volksrepublik Polen“ registriert gewesen, und dass sie den Eindruck habe, der Film sei in den Archiven des „Instituts für Nationales Gedenken“ (IPN) entstanden. Er sei ein „Signal seitens der ehemaligen Staatssicherheit, dass sich der Schutzschirm über den Geistlichen schließe. Übrigens waren die Geistlichen – abgesehen von dem was sie anderen angetan haben – selbst Opfer des Systems; eines Sicherheitssystems, das aus ihren Schwächen Nutzen zog. Und es ist ein großer Fehler des Films, dass der Regisseur Sekielski überhaupt nicht daran erinnert.“ Sie kritisierte zudem, dass andere Umfelder, in denen sexueller Missbrauch geschehe – Künstler, Psychologen, Erzieher, Schauspieler, Medienleute usw. – nicht angesprochen würden. Alle, auch die Kirche müssten verantwortungsvoll mit dem Thema umgehen und vor allem mit den Kindern sprechen, die diesen Film sähen. Ein anderer Kommentator von Radio Maryja verwies auf deutsche und jüdische Geldgeber.

Auch die Politik wurde von dem Film aufgeschreckt: Als Reaktion auf den Dokumentarfilm hat Polen sein Strafgesetzbuch verschärft. Die von der Regierungspartei Recht und Gerechtigkeit (PiS) eingebrachte Gesetzesänderung wurde am 16. Mai mit großer Mehrheit im polnischen Parlament verabschiedet. In besonders schweren Fällen soll die Verjährungsfrist abgeschafft werden. Zudem soll das Schutzalter von 15 auf 16 Jahre angehoben werden. (mit Material von Kathpress)

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