Elżbieta Adamiak zur Debatte um den Film „Klerus“ in Polen

interview adamiak film klerusEnde September ist der Film „Klerus“ des polnischen Regisseurs Wojciech Smarzowski in den polnischen Kinos angelaufen. Der Ansturm war groß, über 900‘000 Menschen haben den Film, der das Verhältnis der katholischen Kirche in Polen zu Geld, Macht und Sexualität kritisch beleuchtet, allein am ersten Wochenende gesehen. Wie ist dieses Interesse zu erklären?
Allem Gesagtem im Voraus: ich habe den Film noch nicht gesehen und kann deswegen nur die Diskussion um ihn zu beschreiben versuchen. Wojciech Smarzowski ist ein Regisseur, der wegen der sehr starken Ausdrucksmittel seiner Filme ein treues Publikum hat. Genauso gibt es eine Gruppe von Menschen, denen sein Stil nicht entspricht. Das heißt, dass er die Diskussion belebt und das Publikum polarisiert, ist nichts Neues. Das beste Beispiel ist der letzte Film „Wołyń“ zu den schwierigeren Momenten der ukrainisch-polnischen Geschichte. Sein künstlerischer Stil ist insofern von Bedeutung, weil vieles von seinen Spielfilmen als „wahr“ aufgenommen und bezeichnet wird – natürlich durch die, die ihre eigene Wahrnehmung wiederfinden. Das spielt eine große Rolle in der Diskussion um dem Film „Klerus“.

Nicht selten werden die Diskussionen über den Film zu Auseinandersetzungen über den Stand der Kirche, ohne die notwendigen Differenzierungen vorzunehmen. Der Film wurde zum Anlass, ein wundes Thema anzusprechen – die Missstände unter den Geistlichen in der römisch-katholischen Kirche in Polen. Die Dringlichkeit des Themas erklärt sich teilweise aus der globalen Diskussionen besonders bezüglich des sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen durch Geistliche. Das gibt es auch in der Kirche in Polen, auch wenn es kein fundiertes Wissen darüber gibt. Das große Interesse erschließt sich aber auch durch die gesellschaftliche Polarisierung in Polen, die u.a. entlang der Bewertung des politischen Einflusses der Kirche verläuft.

Wie gestaltete sich die öffentliche Debatte in Polen über Themen wie sexuellen Missbrauch in der Kirche bisher?
Bisher gab es kaum öffentliche Diskussionen. Es gab immer wieder einzelne Personen, die genug Unterstützung hatten, um den Gerichtsweg einzuschlagen. In den letzten zwei Jahrzehnten wurden ca. 60 Personen angeklagt – nicht viele. Die Situation in Polen war und ist es nicht anders als in anderen Ländern, es gibt ein Verschweigen und eine falsche Loyalität gegenüber der eigenen Institution, statt sich für die Opfer einzusetzen.

Eine der großen Auseinandersetzungen war die um den Erzbischof von Poznań (Posen), Juliusz Paetz. Er soll Priesteramtskandidaten sexuell missbraucht haben. Eine vatikanische Kommission bestätigte die Verwürfe. Infolgedessen trat er 2002 selbst von seinem Amt zurück. Faktisch heißt es aber, dass seine Schuld nie klar ausgesprochen wurde. Es gab auch kein Zugeständnis und keine Entschuldigung seinerseits.

Eine andere Geschichte ist die von Erzbischof Józef Wesołowski, einem Diplomaten des Hl. Stuhls – zuletzt in der Dominikanischen Republik. Er wurde 2013 von Papst Franziskus wegen des Vorwurfs des Kindesmissbrauchs seines Amtes enthoben und starb während des Gerichtsverfahrens im Vatikan.

Bezeichnend ist, dass die Geschichten von vielen unbekannteren Geistlichen, die des sexuell Missbrauchs an den Minderjährigen schuldig sind, ein niederländischer Korrespondent in Polen herausgegeben hat: Ekke Ovebeek. Sein Buch unter dem Titel „Lękajcie się Ofiary. pedofilii w polskim kościele mówią” („Fürchtet euch. Die Opfer der Pädophielie in der polnischen Kirche reden”) erschien 2013. Inzwischen gibt es eine Stiftung, die für die Belange der Opfer einsteht, die von den im Buch beschriebenen Menschen gegründet wurde.

Als bahnbrechend wird eine Gerichtsentscheidung betrachtet, in der nicht nur ein Täter schuldig gesprochen wurde, sondern auch sein Orden in die finanzielle Verantwortung genommen wurde. Das ist das erste Urteil, das die innerkirchlichen Zusammenhänge des Verbrechens berücksichtigt.

Von den polnischen Medien gab es viel Kritik am Film, andererseits erhielt er am wichtigsten polnischen Filmfestival eine Auszeichnung. Wie ist diese Diskrepanz zwischen dem Publikumsinteresse, der künstlerischen Rezeption und den Reaktionen der Medien zu erklären?
Das ist nur scheinbar ein Paradox. Die meisten teilen die Einschätzung, dass die politische Position der katholischen Kirche sehr stark, für einige zu stark, ist. Das müsste natürlich präzisier analysiert werden. Auf jeden Fall fehlt es meistens an Transparenz, übrigens auch in der finanziellen Dimension. Das erzeugt Widerstand. In der von Konflikten gespaltenen Gesellschaft führt das zu einer falschen Polarisierung: entweder sehe ich im Film von Smarzowski eine berechtigte und adäquate Kritik an der Kirche, die zu ihrer Ablehnung führt, oder ich verteidige die Kirche und sehe in diesem Film eine antikirchliche bzw. atheistische Propaganda. Zum Glück gibt es auch ausgeglichene Stimmen, auch unter den Bischöfen.

Anzumerken ist, dass die Ursachen des sexuellen Missbrauchs durch die Geistliche vorwiegend in den Schwierigkeiten, sich an die Zölibatsdisziplin zu halten, oder in der angeblich gleichgeschlechtlichen Neigung der Täter gesucht werden. Selten wird dagegen auf die Machtdiskrepanz hingewiesen, die nicht nur zum breiteren Zugang zu Kindern und Jugendlichen führt, sondern auch das Verstecken der Täter begünstigt.

Die katholische Kirche hat angekündigt, im November einen Untersuchungsbericht zum Thema Missbrauch vorzulegen, und plant Präventionsprogramme. Was hat die katholische Kirche in diesem Bereich bisher unternommen? Wie schätzen Sie diese neuen Maßnahmen ein?
Das ist ein sehr komplexes Thema. Das Problem ist strukturell. Zwar gibt es seit 2013 den Koordinator der Polnischen Bischofskonferenz für Kinder und Jugendliche, den Jesuitenpater Adam Żak, der für diese Maßnahmen verantwortlich ist. Wie er selbst zugibt, fehlen ihm jedoch grundsätzliche Informationen, sogar Statistiken! In einem Interview für eine katholisch-soziale Wochenzeitschrift Tygodnik Powszechny hat er den Journalisten direkt auf die Bischöfe verwiesen, weil ihm die Antworten fehlten…

Wenn es also keine internen Kommunikationskanäle in diesen Notsituationen gibt, gibt es keine einheitlichen Prozeduren in der Kirche in Polen. In jeder Diözese gibt es, zumindest sollte es, eine beauftragte Person geben, die die Beschwerden aufnimmt. Das sind meistens Priester. Aus dem gleichen Interview geht aber hervor, dass nur in 18 von 44 Diözesen deren Kontaktdaten auf den diözesanen Websites zu finden sind… Das heißt, wie ernst die missbrauchten Menschen genommen werden, hängt immer vom jeweiligen Bischof ab. Man kann sehr schlechte Beispiele anführen, die sogar an die Öffentlichkeit gelangten. Wie vor einigen Jahren, als ein Bischof den Pfarrer so lange in der Gemeinde ließ, bis ein Gericht ihn verurteilte. Es ging dabei um Delikte, die sich in dieser Gemeinde ereigneten.

Aktuell gibt es auch vorbildliche Beispiele: Andrzej Czaja, der Bischof von Oppeln, hat beispielsweise direkt darauf reagiert, als ein Schauspieler von „Klerus“ die Geschichte eines missbrauchten Freundes erzählte. Er soll ein Opfer von einem Priester aus seiner Diözese sein. Es gibt also einen Zugang zu einzelnen Geschichten, aber kein Gesamtbild. Wenn man den Aussagen des Hauptverantwortlichen Pater Żak Glauben schenkt, ist die Erwartung eines vertieften Berichtes in den kommenden Wochen sehr gewagt. So wie in anderen Ländern braucht es eine Sicht von außen, um so einen Bericht erarbeiten zu können. Dazu hat die katholische Kirche in Polen noch einen langen Weg vor sich.

Elżbieta Adamiak, Professorin für Fundamentaltheologie und Dogmatik am Institut für Katholische Theologie der Universität Koblenz-Landau.

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