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Russland: Reliquien des hl. Dmitrij Donskoj sollen an Front geschickt werden

27. August 2026

Bei Restaurierungsarbeiten in der Erzengelkathedrale im Moskauer Kreml sind die Reliquien des hl. Dmitrij Donskoj, eines mittelalterlichen russischen Fürsten, zum Vorschein gekommen. Laut Angaben des Moskauer Patriarchats wurden im Juli an der Südmauer der Kirche Grabanlagen freigelegt, weil sie aufgrund absinkender Bodenplatten einzustürzen drohten. Darin wurden drei intakte Sarkophage entdeckt, die die Überreste von Dmitrij Donskoj, seinem Vater Großfürst Ivan Ivanovitsch und von Fürst Dmitrij Ivanovitsch Schilka von Uglitsch enthielten.

Dmitrij Donskoj war von 1359 bis 1389 Großfürst von Moskau und Vladimir und gilt wegen seines Siegs über die Goldene Horde in der Schlacht auf dem Kulikovo Pole 1380 als Nationalheld in Russland. 1988 wurde er von der Russischen Orthodoxen Kirche (ROK) heiliggesprochen. Mitarbeitende des Museums, das den Kreml und Erzengelkathedrale verwaltet, bewerteten den Fund der Sarkophage als überraschend, weil sie aufgrund von Quellen aus dem 19. Jahrhundert geglaubt hatten, diese seien ein Stück verschoben worden. Die Journalistin und Orthodoxieexpertin Ksenia Luchenko wies jedoch darauf hin, dass der Bestattungsort des Heiligen bestens bekannt gewesen sei, von einem „Finden“ also keine Rede sein könne. Dass keine Reliquien vorhanden waren, sei wohl als Manko empfunden worden. Die Frage sei nur, ob die Restaurierung in der Erzengelkathedrale die Idee eines „überraschenden Funds“ habe entstehen lassen, oder die Idee zur Restaurierung geführt habe. Dass die Reliquiare schon bereit gewesen seien, spreche auch für eine längere Vorbereitungszeit.

Mit dem Segen von Patriarch Kirill entfernten Restaurateure den Deckel von Dmitrijs Sarkophag und reparierten ihn, da er Sprünge aufwies. Im Inneren fanden sie die Überreste des Heiligen in seinen Begräbnisgewändern. Laut Archäologen und Anthropologen sind die Überreste intakt, lediglich das linke Fersenbein fehle. Aufgrund der Untersuchung, die mit historischen Quellen übereinstimme, hält die Kirchenleitung die Überreste für echt. Patriarch Kirill gab seinen Segen, um einige Fragmente der Reliquien, die lose im Sarkophag lagen, zu entnehmen und in Reliquiare zu legen. Diese sollen in die Christerlöserkathedrale in Moskau und andere Kirchen gebracht werden, um von den Gläubigen verehrt zu werden. Am 18. August feierte der Patriarch zu Ehren der Reliquien einen Gottesdienst in der Erzengelkathedrale. Dabei sagte er, dass Dmitrij Donskoj in die Geschichte eingegangen sei, weil mit ihm „bedeutende Siege“ verbunden seien, die „die unabhängige Existenz unseres Landes“ ermöglicht hätten. Er betete zu dem Heiligen, damit dieser als Fürsprecher für das Vaterland auftrete und Gott bitte, „das russische Land vor jedem Feind und Gegner zu schützen“.

Vladimir Medinskij, Berater des russischen Präsidenten erklärte, dass der Name des Heiligen ein „Symbol“ sei und das Finden seiner Reliquien „unerwartet, fast märchenhaft“ und ebenfalls ein Symbol sei. Der Duma-Abgeordnete Nikolaj Novitschkov schlug vor, die Reliquien zu russischen Soldaten, die am Angriffskrieg gegen die Ukraine teilnehmen, zu schicken. Der orthodoxe Oligarch Konstantin Malofejev verkündete, dass der Fürst „wieder an der Spitze der russischen Armee stehen wird“. Ein Ideologe des orthodoxen Fernsehsenders Zargrad, Michail Tjurenkov, sprach von einer offensichtlichen göttlichen Vorsehung. Die fundamentalistische orthodoxe Bewegung Sorok sorokov setzte das Auffinden mit der „entscheidenden Schlacht um den Donbas“ in Verbindung und bezeichnete es als „sehr mächtiges Zeichen“ für den kommenden Sieg Russlands. Auch Metropolit Kirill (Pokrovskij), der Leiter der Synodalabteilung für die Zusammenarbeit der Kirche mit den Streitkräften, äußerte den Wunsch, dass eines der Reliquienfragmente an die Front geschickt werde. Danach solle es dauerhaft bei Armeeeinheiten im Kampfgebiet bleiben.

Vladimir Putin bezeichnete das Erlangen der Reliquien als „wunderbar“. Er besuchte die Erzengelkathedrale, nahm an einem Gottesdienst teil und betete für die „siegreiche Armee“. Auch für Vachtang Kipschidse, den stellv. Leiter der Synodalabteilung für die Beziehungen der Kirche mit der Gesellschaft und den Medien, ist die Entsendung eines Teils der Reliquien an die Front eine „vernünftige Entscheidung“. Den russischen Militärangehörigen sollte „so bald wie möglich“ die Möglichkeit gegeben werden, die Reliquien zu verehren.

Metropolit Kliment (Vetscherja) von der Ukrainischen Orthodoxen Kirche (UOK), die bis zum Mai 2022 dem Moskauer Patriarchat unterstand, kritisierte die Pläne für die Reliquien. Er sei überzeugt, dass die Heiligen alles, was auf der Erde geschehe, so sähen, wie es wirklich sei, also Gut und Böse erkennen würden. Politische Parolen hätten für sie keinerlei Bedeutung. Egal wer einen kriegerischen Sinn in die Heiligenverehrung zu legen versuche, kein Heiliger würde je irgendjemandem bei einer offenen Aggression und Mord helfen.

Der ukrainische Theologe Cyril Hovorun betrachtet den angeblich überraschenden Fund als weiteren Teil bei der Entstehung einer zunächst zivilen und dann politischen Religion in Russland nach dem Ende der Sowjetunion. Unter ziviler Religion versteht Hovorun ein System von Symbolen, Ritualen und Vorstellungen, das die Gesellschaft um einen bestimmten historischen und staatlichen Mythos vereint. Die politische Religion unterscheide sich von dieser dadurch, dass sie verpflichtend sei, ihre Ablehnung könne staatliche Sanktionen nach sich ziehen. Die Kanonisierung Donskojs 1988, Jahrhunderte nach seinem Tod, sei keine rein kirchliche, sondern auch eine politische Entscheidung und Teil der Bildung einer zivilen Religion gewesen. Heute sei er ein Element der Entwicklung einer politischen Religion. (NÖK)

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