Belarus: Kirchen rufen zu Ende der Gewalt auf

Angesichts der anhaltenden Massenproteste in Belarus hat der Hl. Synod der Weißrussischen Orthodoxen Kirche (WOK) am 15. August in einem Statement zu einem Ende der Gewalt aufgerufen. Er warnte vor „unumkehrbaren zerstörerischen Folgen“, wenn nicht „alle zusammen die Konfrontation stoppen“. Die Regierung des Landes rief er auf, die Gewalt zu beenden und die „Stimmen der unschuldig Verletzten“ zu hören sowie die Täter vor Gericht zu bringen. Zugleich forderte er „Provokateure und Hintermänner“ auf, die auf die „Destabilisierung unseres Landes und Spaltung unseres Volks gerichteten Provokationen“ zu beenden. Zudem betonte die WOK, immer an der Seite des Volks zu stehen und nichts mit Politik zu tun zu haben.

Schon zuvor hatte sich Metropolit Pavel (Ponomarjov) von Minsk, das Oberhaupt der dem Moskauer Patriarchat unterstehenden WOK, zu den Protesten geäußert, die vom manipulierten Wahlsieg des Dauerpräsidenten Alexander Lukaschenko bei den Präsidentschaftswahlen vom 9. August ausgelöst worden waren. Dabei hatte er zu Frieden und Dialog aufgerufen und Eltern gebeten, ihre Kinder vom Protest abzuhalten. Zudem forderte er vermeintliche ausländische Akteure auf, nicht Hass und Feindschaft in Belarus zu schüren und das Land zu verlassen. Damit griff er ein beliebtes Argument Lukaschenkos auf, nämlich dass die Proteste von ausländischen Kräften gesteuert seien. Am 10. August hatte Metropolit Pavel bereits Lukaschenko offiziell „herzlich“ zum Wahlsieg gratuliert. Später hieß es, er habe die Gratulation zurückgezogen, was die WOK auf ihrer offiziellen Website jedoch dementierte. In einer Ansprache wandte sich Pavel jedoch direkt an Lukaschenko und rief ihn auf, alles Mögliche zu tun, um die Gewalt zu beenden.

Gleich zu Beginn der Proteste hatte sich das Oberhaupt der katholischen Kirche in Belarus, Erzbischof Tadeusz Kondruiewicz, geäußert. Er rief die Behörden und die Protestierenden zum Dialog auf und forderte ein Ende der Gewalt. Am 13. August fand in Minsk eine ökumenische Prozession von Christen unterschiedlicher Konfessionen, vor allem Katholiken und Protestanten, statt. Die WOK, der die große Mehrheit der Belarussen angehört, beteiligte sich nicht. Diese hatte sich im Vorfeld offiziell von der Prozession distanziert und ihren Gläubigen erklärt, diese habe nichts mit ihren Aktivitäten zu tun. Ihre Position sei, zu Frieden aufzurufen und nicht die Situation anzuheizen und zu irgendwelchen Aktionen anzustiften.

Einzelne Priester der WOK unterstützen jedoch die Proteste. So hat Erzpriester Vladimir Drobyschevskij in Gomel allein mit einem Schild mit der Aufschrift „Stoppt die Gewalt“ protestiert. Erzpriester Georgij Roj lässt in seiner Kirche stündlich die Glocken läuten, als Zeichen der Solidarität mit den Protestierenden. Zudem kritisierte er die Gratulation Pavels an Lukaschenko – diese sei zu einem Zeitpunkt erfolgt, als bereits Blut auf den Straßen vergossen wurde. Auch der Vorsteher der zentralen Heilig-Geist-Kathedrale in Minsk, Archimandrit Aleksij (Schinkevitsch), ergriff in einer Predigt Partei für die Protestierenden. Er prangerte das grausame Vorgehen gegen die Demonstranten an und rief die Behörden auf, alle Verhafteten freizulassen. Schließlich betone die Kirche immer, dass sie zum Volk stehe, nicht, dass sie zur Macht stehe. Die anwesenden Gemeindemitglieder unterstützten Archimandrit Aleksij mit Zurufen.

Kritisiert wurde auch der russische Patriarch Kirill, der Lukaschenko ebenfalls gleich nach der Wahl gratuliert hatte. Der Moskauer Priester Fedor Ljudogovskij warf Kirill in einem offenen Brief vor, nur aufgrund der „politischen Konjunktur“ seine Rhetorik ein wenig geändert zu haben, indem er auf seine Gebete für Frieden in Belarus verweise. Er bat ihn darum, seine Nähe zum russischen Präsidenten Vladimir Putin zu nutzen und sich bei diesem dafür einzusetzen, dass keine russischen Sicherheitskräfte in Belarus eingesetzt werden. Er wies Kirill darauf hin, dass er nun die Chance habe, Mut zu zeigen und eine christliche Tat zu vollbringen, und rief ihn dazu auf, diese Chance zu nutzen, auch wenn dies sein beschädigtes Ansehen kaum retten werde.

Ganz anders äußerte sich Metropolit Epifanij (Dumenko) von der Orthodoxen Kirche der Ukraine (OKU). Er unterstützte die Proteste in Belarus und rief die Weißrussen auf, die „demokratische und unabhängige Zukunft ihres Landes zu schützen“. Er forderte ein sofortiges Ende der Gewalt und die Freilassung aller unschuldig Verhafteten. Zudem legte er den Weißrussen nahe, sich um die Gründung einer eigenen autokephalen orthodoxen Kirche zu bemühen. (NÖK)

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