Elżbieta Adamiak zu Patriotismus in der polnischen Kirche

interview elzbieta adamiakIn Polen haben sich Kirchenvertreter wiederholt zu Patriotismus und Nationalismus geäußert, so hat die polnische Bischofskonferenz im April 2017 ein Dokument zur „ChristlichenGestalt des Patriotismus“ verabschiedet. Wie wird dieser definiert?
Die Polnische Bischofskonferenz hat den Unterschied von Patriotismus und Nationalismus stark betont. Die Bischöfe begrüßen den Zuwachs an patriotischen Haltungen und das wachsende Bewusstsein für nationale Identität, lehnen aber den Nationalismus als Ideologie strikt ab. Nationalismus sei ein nationaler Egoismus, der die eigene Überlegenheit kultiviere, die die anderen nationalen Gemeinschaften und die allgemeinmenschliche Gemeinschaft ausschließe. Darin liegt der Unterschied: Patriotismus charakterisiert eine offene Haltung gegenüber den Anderen. Nationalismus schließt die Anderen aus.

Der große Wert von Patriotismus in Polen erklärt sich aus der Geschichte. Vom Ende des 18. Jahrhunderts bis 1918 war Polen von den drei Nachbarstaaten Preußen, Russland und Österreich geteilt. In der Zeit der Bildung einer nationalen Identität in vielen europäischen Ländern bestand die Bindung an Polen vorwiegend in der Bewahrung der Sprache und Kultur, immer wieder auch über Aufstände. Der polnische Staat – davor multinational und multireligiös – verschwand von der Landkarte Europas. Dazu kommt, dass Polen nach dem Zweiten Weltkrieg mehr als ein Drittel seines Staatsgebiets von 1939 im Osten verlor, im Westen wurde es mit ehemaligen deutschen Gebieten entschädigt. Dies hatte weitreichende Folgen für die Zusammensetzung der Gesellschaft. Der Großteil der litauischen, weißrussischen und ukrainischen Bevölkerung wurde in die Sowjetunion versetzt. Durch den Holocaust und Flucht hatte Polen seine große jüdische Gemeinschaft verloren. So stieg der Anteil der römisch-katholischen Bevölkerung an.

Warum sind die Themen Patriotismus und Nationalismus im Diskurs der katholischen Kirche in Polen so präsent?
Einerseits hat das mit den kurz beschriebenen politischen und gesellschaftlichen Veränderungen zu tun. Die Verbindung mit dem Katholizismus ist im 19. Jahrhundert durch die Abgrenzung vom protestantischen Preußen und orthodoxen Russland gestiegen. In der Nachkriegsgeschichte hat sich die katholische Kirche als die stärkste Institution erwiesen, die Widerstand gegen das neue, kommunistische System geleistet hat. Natürlich waren nicht alle Mitglieder der Kirche so eingestellt. Andere mussten dafür einen hohen Preis zahlen. Herausragende Persönlichkeiten mit einer breiten Autorität über die Grenzen der Kirche hinaus waren Kardinal Stefan Wyszyński und Kardinal Karol Wojtyła, der spätere Papst Johannes Paul II. In dem oben genannten Schreiben berufen sich polnische Bischöfe auch heute auf den polnischen Papst, der am Welttag der Migranten 1996 die Idee der „Kultur der Aufnahme“ entwickelt hat.

Was bedeutet die Haltung der Kirche zu Patriotismus und Nationalismus für die Debatte um Flüchtlinge und Migration?
Das Präsidium der Polnischen Bischofskonferenz hat 2015 eine Stellungnahme zur Flüchtlingskrise herausgegeben. Da wird die Gastfreundschaft gegenüber den Notleidenden eindeutig als eine notwenige Folge der christlichen Nächstenliebe angesehen. Angesichts einiger Initiativen, die forderten, nur wegen ihres Glaubens verfolgte Christen und Christinnen aufzunehmen, hat das Präsidium betont, die Bereitschaft müsse alle Flüchtlingsgruppen umfassen, unabhängig von der Religionszugehörigkeit. Viele, auch christlich motivierte Gruppen, auch einzelne Gemeinden nehmen – soweit es möglich ist – Flüchtlinge auf.

Das Problem liegt jedoch darin, dass die Haltung des Präsidiums nicht von allen Mitgliedern der Bischofskonferenz, nicht von allen Priestern und nicht von allen Mitgliedern der Kirche geteilt wird. Politisch überwiegt eine eher ablehnende Haltung, auch von den Politikern und Politikerinnen, die sich über die Teilnahme an kirchlichen Feierlichkeiten gute Wahlergebnisse zu sichern hoffen. Die Folge davon ist, dass sich die Meinung der Gesellschaft in den letzten Jahren eindeutig gegen die Aufnahme von Flüchtlingen richtet.

Elżbieta Adamiak, Professorin für Fundamentaltheologie und Dogmatik am Institut für Katholische Theologie der Universität Koblenz-Landau.

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