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Buchbesprechungen

Carrie Frederick Frost: Church of Our Granddaughters
Eugene (OR): Wipf and Stock Publishers 2023, 114 S.
ISBN 978-1-6667-4485-9. 35.99 €; CHF 51.90.

„Wie hältst Du das aus?“ wurde die Autorin, orthodoxe Theologin in den USA gefragt. Es ging um das „Frauenproblem“ in der Orthodoxen Kirche und die Tatsache, dass „Frauen in der Orthodoxen Kirche aufgrund ihres patriarchalen Ethos viel zu oft klein gehalten, abgewertet und entrechtet“ werden (S. 3). Doch Carrie Frederick Frost hat eine Vision: Sie will zeigen, dass viele historisch gewachsene Praktiken der Kirche, die zur Abwertung von Frauen führen, nicht mit orthodoxer Theologie übereinstimmen, die die Würde der Frau als Ebenbild Gottes anerkennt. Deshalb gehe es beim „Frauenproblem“ nicht nur um Frauen, sondern um „kosmische“ Fragen der theologischen Anthropologie (S. 4–5).

Mit diesem kompakten Buch will die Autorin eine Debatte in ihrer Kirche anstoßen, die sich im Umbruch befindet, und in der Priester erfinderisch werden, wenn ihnen eine rituelle Tradition selbst unangemessen scheint: Ein Ritual, das eine Mutter nach der Geburt eines Kindes empfängt, enthält ein Gebet für ihre Befreiung von Unreinheit. Die Autorin hat selbst erlebt, dass ein Priester dieses Gebet deswegen in einer für sie und die Gemeinde unverständlichen Sprache sprach. Es gibt keine theologische Grundlage für die weibliche „Unreinheit nach der Geburt“, wie auch nicht für die Unreinheit während der Menstruation, während der eine Frau laut streng orthodoxer Praxis keine Kommunion einnehmen darf (S. 44). Auch der weibliche Körper sei mit der Inkarnation gewürdigt worden, und die Menstruation als Zeichen der Fruchtbarkeit habe nichts mit Unreinheit zu tun (S. 36–37). Weitere stoßende liturgische Texte machen eine Frau für jede Fehlgeburt wie für eine Abtreibung verantwortlich.

Frederick Frosts Visionen und Argumentationen sind in sechs Kapitel gegliedert: „Frau und Mann“, „Menstruation“, „Churching“ (Taufe, Begrüßung von Mutter und neugeborenem Kind), „Fehlgeburt“, „Leadership“ und „Ordination“. In „Leadership“ geht es darum, existierende, „unsichtbare Leitungsfunktionen“ von Frauen in den Kirchen (z. B. geistliche Begleiterinnen, Administratorinnen, Buchhalterinnen, Katechetinnen) und „mindere liturgische Rollen“ (Lektorin, Kantorin, Subdiakonin) sichtbarer zu machen, indem sie offiziell eingesetzt und gesegnet werden. Offiziell ordiniert werden sollen Diakoninnen in ein Amt, das in der frühen Kirche auch Frauen ausüben konnten und das wieder eingeführt werden sollte. Ob Frauen Priesterinnen sein können, sei deshalb eine andere Diskussion, die aber ebenso theologisch geführt werden müsse (S. 95). Letztlich hofft die Autorin, dass „dieses Buch zur Zeit unserer Enkelinnen obsolet sein wird“ (S. 97), weil sie als Personen einschließlich ihrer „inkarnationalen Realitäten als Frauen“ wertgeschätzt werden. Das heißt bald, denn Großmutter ist die Autorin bereits.

Regula M. Zwahlen, Religion & Gesellschaft in Ost und West 5/2025, S. 30

 

Abel H. Manoukian: The Deaconesses of the Armenian Church
(= Studia Oecumenica Friburgensia 113)
Münster: Aschendorff Verlag 2024, 189 S.
ISBN 978-3-402-12276-1. € 38.–; CHF 52.90.

In den neutestamentlichen und frühchristlichen Schriften ist die Existenz von Jüngerinnen, Prophetinnen, Witwen und Diakoninnen belegt, die Dienste in den christlichen Gemeinden übernahmen. In der Armenischen Apostolischen Kirche hat die Tradition von Diakoninnen bis heute überlebt, wobei es allerdings auch viel Unkenntnis darüber gibt und die Wiederbelebung dieses Amts innerkirchlich auf viele Widerstände stößt. Abel H. Manoukian, selbst Priester der Armenischen Apostolischen Kirche, hat sich deshalb auf eine historische Spurensuche nach Diakoninnen begeben und geht der Frage nach, „ob es eine Tradition gibt, nach der Frauen an den Altar treten dürfen, um verschiedene liturgische Handlungen vorzunehmen“ (S. 11).

Er rekapituliert dazu die neutestamentlichen Textstellen, geht auf frühchristliche „Kirchenordnungen“ (vor allem aus dem syrisch-sprachigen Milieu) ein und zeigt auf, dass die „klassische Periode“ des weiblichen Diakonats vom 4. bis ins 11. Jahrhundert reichte (S. 31), danach verlor es an Bedeutung. In der armenischen Kirche ist das Amt der Diakonin aber auch nach dem 12. Jahrhundert belegt: sowohl im armenischen Kernland als auch später in der Diaspora, wobei das Amt nie unumstritten war. Neben zahlreichen schriftlichen Quellen hat Manoukian auch eine beeindruckende fotografische Dokumentation vom Wirken von Diakoninnen in der armenischen Kirche zusammengetragen.

Nachdem es zu Beginn des 21. Jahrhunderts den Anschein hatte, dass das Frauendiakonat auch in der armenischen Kirche im Erlöschen begriffen ist, weihte 2017 Erzbischof Sebouh Sarkissian von Teheran, der dem Katholikat von Kilikien untersteht, mit Ani-Kristi Manvelian wieder eine Frau zur Diakonin. Dieser „glückliche Umstand“ stieß jedoch auf Kritik aus Etschmiadsin (S. 137, 140). Auch wenn Ani-Kristi Manvelian momentan die einzige Diakonin der Armenischen Apostolischen Kirche und somit die Zukunft dieses kirchlichen Amts ungewiss ist, hofft Manoukian auf einen „erfrischenden Regen“ für das „ausgedörrte Feld unserer Kirche“. Dazu formuliert er abschließend mehrere Punkte, die es zu beachten gelte: So sollte unter anderem der Dienst von Diakoninnen nicht ausschließlich auf Nonnenkloster beschränkt werden. Der Zölibat sollte keine zwingende Anforderung sein, um Frauen zu Diakoninnen zu weihen. Manoukin unterstreicht zudem, dass Diakoninnen und Diakone die gleichen missionarischen und rituellen Rechte haben sollten. Für ihn ist auch klar, dass die Frage nach der Beteiligung von Frauen an der kirchlichen Hierarchie mit dem Diakonat beginnt, aber nicht damit endet (S.142–145).

Stefan Kube, Religion & Gesellschaft in Ost und West 5/2025, S. 30

 

31a Obolevitch Lot Borodine Cover web 200x300Teresa Obolevitch: Myrrha Lot-Borodine. The Woman Face of Orthodox Theology
St Paul (MN): IOTA Publications 2024, 299 S.
ISBN 978-1-7352951-7-6. USD 56.95.

In der Zwischenkriegszeit fanden in Paris zahlreiche Begegnungen zwischen französischen und russischen religiösen, katholischen, protestantischen und orthodoxen Intellektuellen statt. Dieses Buch zeigt, dass eine russische Historikerin eine der wichtigsten Akteurinnen für diesen nachhaltigen intellektuellen Austausch war: Myrrha Lot-Borodine (1882–1957). Teresa Obolevitch, Professorin für Philosophie an der Johannes Paul II.-Universität in Krakau, und Expertin für russische und orthodoxe Philosophie und Theologie, bringt mit ihrer Monographie über Lot-Borodine neues Licht in die „intellectual history“ der Ökumene im 20. Jahrhundert.

Die in Russland aufgewachsene Lot-Borodine kannte alle bekannten Figuren der russisch-orthodoxen Diaspora persönlich: Berdjaev, Schestov, Fedotov, Karsavin, Bulgakov, Frank, Struve, Florovskij und Losskij, korrespondierte mit ihnen und nahm an ihren Debatten teil. Obwohl sie sich in diesen Kreisen immer als Outsiderin fühlte und lange als zweitrangige Figur dieser Szene galt, zeigt Obolevitchs Porträt und detailliert recherchierte Studie, dass ihr (und auch anderen Frauen der russischen Emigrantenzirkel) dies in keiner Weise gerecht wird. Nach dem Studium von Geschichte und Literatur in Paris entwickelte sie sich im Verlauf ihres Lebens an der Seite ihres Ehemanns, dem Professor für Geschichte des Mittelalters Ferdinand Lot an der Sorbonne, zu einer herausragenden Expertin für Patristik und Byzantinistik. Ihre Artikel in theologischen Zeitschriften weckten bei vielen später berühmten katholischen Theologen wie Breton, Chenu, Daniléou und Congar das Interesse für orthodoxe Theologie, was für das Zweite Vatikanum fruchtbringend war. Das vor allem in der englischsprachigen orthodoxen Theologie heute populäre Thema der „Theosis“ und überhaupt die ostchristliche Anthropologie wurde vor allem durch Lot-Borodines Werk einem westlichen Publikum zugänglich gemacht (S. xiv, 261).

Das Buch erzählt von ihrem vielseitigen Leben als Historikerin, Dichterin, Mutter, Feministin und (auch finanzielle) Unterstützerin von Personen und sozialen Werken (u. a. Mutter Maria Skobtsovas Sozialwerk) einschließlich der französischen Résistance im Zweiten Weltkrieg. Der zweite Teil zeigt ihr vielschichtiges Verhältnis zur Orthodoxie in strikter Ablehnung von russischem Nationalismus, ihre Überzeugung für einen christlichen Humanismus und ihr Engagement für die Ökumene. Die Kapitel 3 und 4 präsentieren ihre Studien zur mittelalterlichen Literatur und ihre wichtigen patristischen Studien. Im fünften Kapitel werden ihre Bekanntschaften mit den oben genannten Denkern anhand von Briefwechseln nachgezeichnet. Das Buch ist überaus lebendig und spannend geschrieben und regt zu weiteren Studien an.

Regula M. Zwahlen, Religion & Gesellschaft in Ost und West 5/2025, S. 31

 

47a MartinBeliakovaBarbara Martin, Nadezhda Beliakova (eds.)
Religious Life in the Late Soviet Union
From Survival to Revival (1960s–1980s)
Abingdon, New York: Routledge 2024, 241 S.
ISBN: 978-1-032-31777-9 (pbk). € 60.–; CHF 69.90.

Dass der Kampf gegen die Religion nicht nur ein politischer, sondern auch ein spiritueller war, dämmerte den sowjetischen Machthabern in den 1960er Jahren, wie Victoria Smolkins „History of Soviet Atheism“ von 2018 eindrücklich gezeigt hat. Der vorliegende Sammelband gibt Einblick in die Überlebensstrategien religiöser Gemeinschaften als auch in die Vielfalt spiritueller Suchwege, auf die sich vor allem jüngere Menschen in der späten Sowjetzeit begaben – entgegen der Annahme, dass Religion zusammen mit ihren Großmüttern von alleine aussterben werde. Dabei legen die Forschenden anhand neuer Quellen (Privatarchive, Ego-Dokumente, Interviews) einen besonderen Fokus auf den bisher weniger beachteten Aspekt der Individualisierung der Religion und die Rolle der Laien, im Gegensatz zum besser erforschten Verhältnis von Religionsgemeinschaften zum sowjetischen Staat. Zudem legen neuere Studien das Augenmerk weniger auf religiöse Menschen als Opfer – was im Laufe des Helsinki-Prozesses seit 1975 im Vordergrund stand (S. 9) –, sondern als Akteure, die nicht immer als Dissidenten zu verstehen waren. Dazu bieten die beiden Herausgeberinnen eingangs einen informativen Überblick über den aktuellen Forschungsstand.

Die ersten vier von insgesamt 14 Beiträgen zeigen, wie Riten der orthodoxen Kirche (Ukraine, Russland), im Judentum (Moldau) und unter Moskauer Muslimen zwar oft eine Norm blieben, sich aber veränderten und auch von nicht offiziell beauftragten Personen vollzogen wurden. Gemeinschaften wie die Evangeliumschristen-Baptisten oder die deutschen Katholiken in Kasachstan versuchten einen legalen Status zu erreichen, während gewisse pfingstchristliche Gemeinschaften bewusst außerhalb der Registrierung blieben und sich auch bürgerrechtlich engagierten. Hier spielten Frauen eine herausragende Rolle. Christliches Engagement von Frauen kam auch im Frauenclub „Mariia“ (besonders bekannt durch Tatiana Goritscheva) zum Ausdruck, dessen „Feminismus“ aufgrund seiner religiösen Prägung in starkem Gegensatz zum marxistischen wie auch westlichen Feminismus stand. Ähnliche Gruppen von jungen Intellektuellen auf spiritueller Suche formierten sich selbständig in orthodoxen Klöstern um gewisse Starzen oder Priester (z. B. Alexander Men’) und in Form von spontanen Untergrundseminaren. Die Haltungen der so sozialisierten sowjetischen Konvertiten standen oft in starkem Gegensatz zur staatstreuen kirchlichen Hierarchie (S. 168). Noch wenig erforscht ist die Anziehungskraft des Islam wie auch indischer Spiritualität für Intellektuelle in der späten Sowjetzeit – der Band verschafft hier ebenso spannende Einblicke wie in die Anfänge des boomenden postsowjetischen Esoterikmarkts im „astrologischen Samizdat“ der 1970er Jahre.

Regula M. Zwahlen, Religion & Gesellschaft in Ost und West 3-4/2025, S. 47