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Ungarn: Neues Sozial-Hirtenwort der Bischöfe veröffentlicht

22. Oktober 2026

Die katholische Bischofskonferenz in Ungarn hat ein neues Hirtenwort mit dem Titel „Für eine gerechtere und geschwisterlichere Welt! – 30 Jahre danach“ vorgestellt. Das mehr als 60 Seiten umfassende Dokument knüpft an ein gleichnamiges Bischofsschreiben aus dem Jahr 1996 an und behandelt in acht Kapiteln zentrale gesellschaftliche Fragen – von Familie und Bildung über Wirtschaft und öffentliches Leben bis hin zu Schöpfungsverantwortung und geistlicher Erneuerung.

Der Vorsitzende der Bischofskonferenz, János Székely, erklärte zur Vorstellung des Hirtenworts am 19. Oktober in Budapest, das Dokument betrachte die ungarische Gesellschaft aus der Perspektive des Evangeliums und wolle konkrete Wege zur Lösung ihrer Probleme aufzeigen. Liebe, Hoffnung und guter Wille könnten wie Sauerteig zur Erneuerung der Gesellschaft beitragen, so der Bischof von Szombathely.

Ausgangspunkt der Analyse ist ein Kapitel über die unbedingte Achtung der Würde jedes Menschen. Die Bischöfe wollten sich damit offen und zugleich mit mutigem Eintreten für die Wahrheit am gesellschaftlichen Dialog beteiligen, heißt es in dem Schreiben.

Im Teil über die Bedeutung der Familie befasst sich das Hirtenwort auch mit kontrovers diskutierten Fragen wie dem Familienbegriff, dem Lebensanfang und Lebensende, der Geschlechtsidentität und der künstlichen Befruchtung. Die Kirche wolle Menschen in unterschiedlichen und schwierigen Lebenssituationen mit Empathie und Verständnis begegnen. Trotz der Säkularisierung suchten viele Menschen bei moralischen Fragen weiterhin Orientierung bei ihr, wird festgehalten.

Das Dokument thematisiert auch Abtreibung, Sterbehilfe, sexuelle Übergriffe und Kinderschutz. Mit Blick auf Missbrauchsfälle in kirchlichen Einrichtungen räumt das Schreiben der Bischöfe Fehler im Umgang mit den Betroffenen ein. Die Kirche bitte sie und ihre Angehörigen um Vergebung und verpflichte sich, Missbrauch vorzubeugen und Fälle konsequent aufzudecken.

Zur wirtschaftlichen Lage in Ungarn erkennt das Hirtenwort deutliche Fortschritte in den vergangenen 30 Jahren an: Das Bruttoinlandsprodukt habe sich nahezu verdoppelt, das durchschnittliche Realeinkommen sei auf das 2,3-Fache gestiegen und die Beschäftigung habe zugenommen. Dennoch bestünden erhebliche soziale und regionale Ungleichheiten. Besonders problematisch seien Kinderarmut, Arbeitslosigkeit in benachteiligten Regionen, niedrige Renten sowie die finanzielle Lage von Menschen mit Behinderungen und Alleinerziehenden. Das Dokument kritisiert auch Korruption und fordert mehr Transparenz und Redlichkeit. Benachteiligte Gruppen müssten bessere Chancen auf Bildung und Arbeit erhalten; besondere Aufmerksamkeit gelte der Integration der Roma.

Im Kapitel zu Bildung, Erziehung und Kultur betont die Bischofskonferenz, dass katholische Schulen nicht nur religiöses Wissen vermitteln, sondern junge Menschen zu Solidarität, Zusammenarbeit und Verantwortung befähigen sollten. Zugleich spricht das Hirtenwort selbstkritisch einen Widerspruch an: Während das kirchliche Bildungswesen erheblich gewachsen sei, habe die persönliche religiöse Bindung junger Menschen abgenommen. Neben der Begabtenförderung gehörten deshalb auch Integration und die Unterstützung benachteiligter Schülerinnen und Schüler zum Auftrag kirchlicher Schulen.

Zum öffentlichen Leben heißt es in einem weiteren Teil des Schreibens, Politik müsse dem Gemeinwohl dienen. Die Bischöfe unterstreichen die Bedeutung gesellschaftlichen Dialogs. Sie plädieren für eine Ausgeglichenheit zwischen Zentralisierung und Eigenständigkeit kommunaler Institutionen. Sie bekennen sich zur Souveränität Ungarns und zur europäischen Zusammenarbeit.

Hass und Diffamierung im öffentlichen Diskurs lehnt das Dokument ab; Rechtsstaatlichkeit, Gleichheit vor dem Gesetz und die Selbstbeschränkung der Macht seien wesentliche Voraussetzungen der Demokratie. Die Bischöfe mahnen auch zum Einsatz für gute Beziehungen zu ungarischen Minderheiten in der Diaspora, zu Nachbarnationen und Europa.

Im Bereich der Schöpfungsverantwortung warnt das Hirtenwort vor zunehmenden Umweltproblemen in Ungarn. Sinkendes Grundwasser, Wassermangel in Flüssen und Seen, geschädigte Lebensräume und schlechtere Bodenqualität zeigten, dass die Nutzung natürlicher Ressourcen die Belastungsgrenzen der Ökosysteme überschreite. Insgesamt habe sich die Nachhaltigkeit in den vergangenen drei Jahrzehnten verschlechtert. Notwendig seien Veränderungen in Wirtschaft, Konsum und Lebensweise. Die Bewahrung der Schöpfung sei nicht nur eine wirtschaftliche und technologische, sondern auch eine moralische Verpflichtung.

Die letzten beiden Kapitel des Schreibens befassen sich mit der Situation der Jugend und ihrer Beziehung zur Kirche sowie der spirituellen Erneuerung der Gesellschaft. Junge Menschen suchten nicht nur Unterweisung, sondern Gemeinschaften, in denen sie Aufmerksamkeit, Akzeptanz und Liebe erfahren könnten, so die Bischöfe. Um die Glaubwürdigkeit der Kirche zu stärken, brauche es Selbstkritik, Dialog und persönliche Beziehungen. Die Kirche solle Jugendliche auch dabei unterstützen, digitale Medien bewusst zu nutzen und eine hoffnungsvolle Zukunftsperspektive zu entwickeln.

Abschließend ruft das Hirtenwort zu einer geistlichen Erneuerung der Gesellschaft auf. Christlicher Glaube dürfe nicht auf kulturelle Identität beschränkt bleiben, sondern müsse sich in einer bewussten Nachfolge Christi zeigen. Die Kirche müsse die christliche Wahrheit glaubwürdig bezeugen und zugleich den Dialog mit der Welt suchen. Tragfähige Gemeinschaften, gelebte Gerechtigkeit, Vergebung und die Bereitschaft, das Leid anderer wahrzunehmen, seien dafür unerlässlich.

Aus Gebet und Gottesbeziehung erwachsender innerer Friede könne christliche Gemeinden zu Kräften gesellschaftlicher Versöhnung und Erneuerung machen. Die Bischöfe betonen ihre eigene Verantwortung, gelebtes Beispiel zu geben, um das schwindende Vertrauen wegen begangener Fehler wiederzugewinnen.

(Hirtenwort auf Website der Bischofskonferenz, in ungarischer Sprache: https://katolikus.hu/cikk/igazsagosabb-es-testveriesebb-vilagot---30-ev-utan-29370652) (Quelle: Katholische Presseagentur Kathpress, www.kathpress.at)