Polen: Rechtskonservative Kreise kritisieren Hirtenbrief gegen Antisemitismus
Die Aufforderung der Polnischen Bischofskonferenz an die Gläubigen, am 13. April Synagogen zu besuchen und sich mit jüdischen Schwestern und Brüdern zu treffen, ist in rechtskonservativen Kreisen in Polen auf scharfe Kritik gestoßen. Die polnischen Bischöfe hatten am 12. März einen Hirtenbrief veröffentlicht und an den historischen Besuch von Papst Johannes Paul II. in der Großen Synagoge von Rom am 13. April 1986 erinnert. Mit Bezug auf 1. Joh 3, 14 („Wer nicht liebt, bleibt im Tod“) verurteilt der Hirtenbrief Antisemitismus als Liebesdefizit und verurteilt Diskriminierungen und Verfolgungen von Juden.
In Warschau, Krakau und Lublin warben die Bischöfe bei Synagogenbesuchen für gute Beziehungen zwischen Christen und Juden. Warschaus Erzbischof Adrian Galbas warnte am 13. April in der Nożyk-Synagoge vor religiös begründeter Feindschaft gegen Juden. Der Erzbischof bedankte sich beim anwesenden polnischen Oberrabbiner Michael Schudrich für seine Gastfreundschaft. In der Krakauer Kupa-Synagoge würdigten die Kardinäle Grzegorz Ryś, Erzbischof von Krakau und Vorsitzender des Ausschusses für den Dialog mit dem Judentum der Bischofskonferenz, und Stanisław Dziwisz, emeritierter Erzbischof von Krakau, das Treffen von Johannes Paul II. mit dem Oberrabbiner von Rom, Elio Toaff, vor 40 Jahren als bahnbrechenden Moment in den Beziehungen beider Glaubensgemeinschaften.
In rechtskonservativen Kreisen sorgte der Hirtenbrief dagegen für Aufruhr und einen Shitstorm gegen Kardinal Ryś als dessen Inspirator. Der Vizemarschall des Sejm, Krzysztof Bosak von der rechtsnationalistischen Oppositionspartei Konföderation, schrieb auf X: „Ich bin kein Theologe, daher kann ich nicht beurteilen, wie viel Wahrheit in diesem Brief steckt und wie viel Ketzerei, Irrtum, Verwirrung und Unklarheit darin enthalten sind – und wie viel davon ein zulässiges Jonglieren mit Zitaten, Fakten und Konzepten ist, um die katholische Glaubensbotschaft so stark wie möglich zu judaisieren –, aber allein die Tatsache, dass wir uns diese Fragen stellen müssen, ist peinlich. Exzellenzen, reißt euch zusammen!“ Paweł Lisicki, Chefredakteur der rechtskonservativen Wochenzeitung Do Rzeczy, bezeichnete den Aufruf als Aufforderung zu einem „massenhaften Akt der Apostasie“, da seiner Meinung nach das Beten in einer Synagoge nicht mit dem katholischen Glaubensbekenntnis vereinbar sei. In der Zeitschrift „Katholische Pädagogik“ erschien ein Text unter dem Titel „Appell an die Polen“, der den Hirtenbrief als „historische Schande“ bezeichnete. In einigen Gemeinden wurde der Hirtenbrief von Geistlichen auch nicht vorgelesen.
Kardinal Ryś kommentierte die Kritik am Brief der Bischofskonferenz: „Es ist ein Beweis dafür, dass wir als Polnische Bischofskonferenz eine bestimmte Aufgabe nicht erfüllt haben. […] Ich denke, dass eine religiöse Unterweisung in diesem Bereich dringend erforderlich ist, damit die Kirche in Polen genau das lehrt, was die Weltkirche seit dem [Zweiten Vatikanischen] Konzil lehrt.“
Regula M. Zwahlen