Russland: Patriarch Kirill rechtfertigt Atomwaffen religiös
In einer Predigt im Dreifaltigkeitskloster von Serafimo-Divejevo hat der russische Patriarch Kirill die Entwicklung der sowjetischen Atomwaffen als „göttliche Vorsehung“ bezeichnet. Das Kloster befindet sich in Divejevo, in der Nähe von Sarov im Gebiet Nischnij Novgorod, und bewahrt die Reliquien des Hl. Serafim von Sarov, eines bekannten russischen Mönchs und Mystikers (1759–1833) auf. 1903 wurde er von der Russischen Orthodoxen Kirche heiliggesprochen; seit 2007 ist er der Schutzpatron der Atomstreitkräfte Russlands. Wissenschaftler hätten in Sarov „unsere russische Atombombe“ geschaffen, die „die Pläne des Feindes, unser Vaterland zu zerstören und zu unterjochen, gestoppt hat“, so der Patriarch.
In Sarov befindet sich auch das Russische Föderale Nuklearzentrum, das nationale Forschungsinstitut für experimentelle Physik. Der Gottesdienst am 1. August fand anlässlich der Übergabe der Reliquien an das Kloster statt. Absolut offensichtlich sei es kein Zufall, dass gerade am Wirkungsort des Hl. Serafim in Sarov die Forschung betrieben worden sei, die „unser Volk und unser Land vor schrecklicher Zerstörung bewahrt hat“, sagte Patriarch Kirill. Die Zerstörung hätte zur Auslöschung sowohl des Landes als auch des Volks führen können. Sehr viele Physiker und Wissenschaftler in Russland seien orthodox und „sich völlig bewusst“, dass die Entwicklung der Atombombe an diesem Ort „kein Zufall“ sei, sondern dank der Gebete des Hl. Serafim erfolgt sei.
Die Journalistin und Orthodoxie-Expertin Ksenia Luchenko wies darauf hin, dass der Patriarch nichts Neues gesagt habe. Das Konzept der „atomaren Orthodoxie“ sei bereits 2003 entwickelt worden. Der Begriff der atomaren Orthodoxie gehe auf den nationalistischen Publizisten Jegor Cholmogorov zurück, der ihn 2005 eingeführt habe. Dieser argumentierte, dass Russland das Recht habe, sich – gerade als „Zentrum der Orthodoxie“ – mit der schrecklichsten Waffe zu verteidigen, die die übrige Welt zerstören könnte, denn Russland hüte etwas, das wertvoller als die Welt sei.
In einer offiziellen Erklärung verurteilte Metropolit Elia (Wallgrén), das Oberhaupt der Orthodoxen Kirche von Finnland, die dem Ökumenischen Patriarchat von Konstantinopel untersteht, Kirills Predigt als „politische Agenda“. Die Kirche dürfe nicht benutzt werden, um Massenvernichtungswaffen zu legitimieren.
Ende Juli ist auch ein neues Buch von Patriarch Kirill mit dem Titel „Krieg. Jenseits der sichtbaren Gründe und Folgen“ erschienen. In der Mitteilung zur Veröffentlichung auf der Seite des Verlags des Moskauer Patriarchats heißt es, das Buch sei der „Metaphysik des Kriegs“ gewidmet. Konzepte wie „Opfersinn“, „Heldentat“, „Patriotismus“, „Sieg“ und weitere würden aus geistlicher Perspektive untersucht. Darin schreibt der Patriarch laut Mitteilung über die „erlösende Bedeutung und Folgen des Kriegs“, „metaphysische Grenzen und die Zielsetzung Russlands“ und geht auf den „rassischen Aspekt des Kriegs“ ein. Da alles auf der Welt vom Kontakt zwischen dem Guten und Bösen ausgehe, werde der Ausgang eines Kriegs von Gott bestimmt, und „es gewinnt der, der auf der Seite des Lichts steht“. Die Menschen seien berufen, Soldaten Gottes zu sein, dem Bösen zu widerstehen und hohe moralische Ideale zu verteidigen. Mit dem Hinweis, dass das russische Volk die Kraft habe, zu gewinnen, verweise Kirill auch auf die „große Verantwortung, der historischen Verpflichtung zu siegen nicht auszuweichen“. (NÖK)
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