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Innerkirchlicher Konflikt eskaliert. Armeniens Kirche vor schwierigen Zeiten

30. Januar 2026

Harutyun G. Harutyunyan

Die Kritik von zehn Hierarchen gegen das Oberhaupt der Armenischen Apostolischen Kirche, Katholikos Karekin II. hat verschiedene Ursachen. Die Bischöfe kritisierten zunächst den unzulänglichen Umgang der Kirchenleitung mit dem Skandal um Erzbischof Arschak Chatschatrjan, von dem Sexvideos in der Öffentlichkeit aufgetaucht war. Obwohl zwei unabhängige Expertisen die Echtheit dieser Videos bestätigt hatten, gab es keine disziplinarische Anhörung noch eine öffentliche Erklärung seitens der Kirchenführung zum skandalösen Vorfall. Sanktioniert wurden vom Obersten Geistlichen Rat dagegen die von Ministerpräsident Nikol Paschinjan unterstützten jungen Geistlichen, die seit September 2025 ihren Bischof Mkrtich Proschjan öffentlich wegen der willkürlichen Leitung der Diözese und aufgrund der Aufforderung zur Teilnahme an Demonstrationen der politischen Opposition kritisiert hatten.

Aufruf zum Rücktritt des Katholikos
Nachdem sich zunächst einzelne Bischöfe zu Wort gemeldet hatten und die Kirchenleitung darauf nicht reagiert hatte, gaben zehn Bischöfe eine gemeinsame Stellungnahme heraus, in der sie den Katholikos zum Rücktritt aufforderten: „Wir bedauern zutiefst die ungesunde Atmosphäre, die sich in den letzten Monaten innerhalb und um unsere Kirche entwickelt hat. […] Die Krise […] hat eine beispiellos gefährliche Situation sowohl im Mutterland als auch in der Diaspora geschaffen und gefährdet dadurch den Frieden, den Glauben und die Einheit unseres Volkes. Die ungerechtfertigten, unkanonischen Entlassungen zahlreicher engagierter Geistlicher erfolgten oft grundlos und ausschließlich durch einseitige Entscheidungen oder sogar durch Zwang des Katholikos. […] Als Folge Eurer fehlerhaften und willkürlichen Amtsführung, Anordnungen, Ernennungen, ungerechten Strafen, unberechtigten Interventionen und Amtsenthebungen von Priestern wurden unsere Diözesen, einzelne Pfarreien und Kirchengemeinden in der Diaspora mehrfach erschüttert. […] Die sehr schwerwiegenden Anschuldigungen, die von verschiedenen Medien und von unterschiedlichen Plattformen gegen Eure Heiligkeit erhoben wurden, wurden leider sowohl von Euch als auch den anderen zuständigen Stellen der Kirchenleitung ignoriert, nicht erklärt oder widerlegt, wodurch Zweifel an ihrer Glaubwürdigkeit aufkommen.“

Gleichzeitig kritisierten die Bischöfe die Politisierung der gesamten Kirche. In ihrer Stellungnahme machten sie die autokratische Führung durch Karekin II. verantwortlich für diese inakzeptable Situation: „Das andauernde und vorsätzliche Versäumnis, eine Kirchenverfassung zu schaffen, und schließlich die endgültige Einstellung dieser Arbeit haben es Euch ermöglicht, die Kirche in den vergangenen 26 Jahren mitunter willkürlich nach eigenen Vorstellungen zu regieren. [….] Wir, eine Gruppe von Bischöfen, erkennen unseren Anteil der Verantwortung und der Schuld an der gegenwärtigen Situation an und beabsichtigen mit dieser Initiative, die Grundlage zu einer Reform der Armenischen Kirche zu legen.“

Um einen Neuanfang zu ermöglichen, riefen die Bischöfe Karekin II. zu einem freiwilligen Rücktritt auf: „Deshalb rufen wir Eure Heiligkeit mit diesem Appell offiziell dazu auf, zum Wohle unserer Kirche und unseres Volkes […] freiwillig in den Ruhestand zu gehen und so die Organisation von Neuwahlen zu ermöglichen.“ In Interviews stellten einige Bischöfe den Rücktritt von Papst Benedikt XVI. als Vorbild dar, da dieser angesichts der Missbrauchs- und Finanzskandale in der katholischen Kirche freiwillig ein „Papst emeritus“ geworden sei.

Verhärtete Fronten
Der Katholikos reagierte jedoch nicht auf diesen Aufruf. Stattdessen veröffentlichte der Oberste Geistliche Rat eine Erklärung, in der alle Vorwürfe der oppositionellen Bischöfe zurückgewiesen und diese zur Rückkehr „in den kanonischen Rahmen“ aufgefordert wurden. Die oppositionellen Bischöfe kündigten daraufhin an, am 17. Dezember persönlich mit ihren Anhängern nach Etschmiadzin, dem Sitz des Kirchenoberhaupts, zu kommen, um dem Katholikos den Aufruf zu übergeben. Dies wurde von Paschinjans politischen Gegnern als Chance angesehen, sich als „Bewahrer der Heimat“ bzw. „Vertreiber der Verräter“ zu präsentieren. So trafen am folgenden Tag zwei verschiedene Gruppen in Etschmiadzin aufeinander. Die einen riefen den weltlichen Vornamen des Katholikos „Ktritsch“ und forderten seinen Rücktritt. Die anderen antworteten mit beleidigenden Äußerungen wie „Judas“ und „Türken“. Als sich die oppositionellen Bischöfe zur Residenz von Karekin II. begeben wollten, gab es eine zweite Prozession, weil der Katholikos sich spontan entschlossen hatte, mit treuen Geistlichen und Oppositionspolitkern, wie Levon Kotscharjan, dem Sohn des zweiten Präsidenten Robert Kotscharjan, in die Kathedrale zu einem speziellen Gottesdienst „für die Freilassung der Gefangenen“ zu gehen. Die Polizei konnte nur mit großer Mühe Provokationen zwischen den beiden Gruppen verhindern. Den reformwilligen Hierarchen blieb nichts anderes üblich, als ihre Forderungen am Eingang der Residenz zu verlesen und diese an einen Mitarbeiter des Sekretariats vom Katholikos zu überreichen.

Die tumultartigen Szenen in Etschmiadzin wurden von mehreren Medien live übertragen und am nächsten Tag als eine „Show“ oder gar ein „Kirchenspektakel“ präsentiert. Dadurch vertiefte sich der Konflikt noch mehr. Die Spaltung unter den Bischöfen ging so weit, dass die für den 10. bis 12. anberaumte Bischofssynode aufgrund mehrerer Absagen verschoben werden musste. Die Pressestelle des Katholikos begründete die Verschiebung jedoch mit „dem zunehmenden Druck auf den Klerus“.

Das Kirchenoberhaupt äußerte sich nicht zu den Forderungen der Hierarchen, denen sich mittlerweile auch der Vikar der Armenischen Apostolischen Diözese von der Schweiz angeschlossen hatte. Stattdessen warf Karekin II. in seiner Neujahrsansprache der armenischen Regierung „ungerechte Verfolgungen und Verhaftungen von Geistlichen“ vor und rief das gesamte Volk zum Schutz der Rechte von Geflüchteten aus Berg-Karabach auf. Den gleichen Punkt wiederholte der Katholikos bei seiner Weihnachtsansprache. Dies ist genau der schmerzhafte Punkt, über den Ministerpräsident Nikol Paschinjan seit langem nicht mehr öffentlich spricht, weil dies nicht seiner neuen Friedenspolitik bzw. den Verhandlungen mit Ilham Alijew und Recep T. Erdoğan zur Aufhebung der Grenzblockade entspricht.

Kirchenreform mit staatlicher Unterstützung?
Am 4. Januar traf sich der Ministerpräsident mit den oppositionellen Bischöfen und sie gründeten zusammen einen „Koordinationsrat zur Reform der Heiligen Armenischen Apostolischen Kirche“. Dieser verabschiedete einen Fahrplan zu Reformen, wobei als letzter Schritt die Wahl eines neuen Katholikos „nach dem festgelegten Verfahren und Traditionen der Kirche“ erfolgen soll.

Die Weihnachtsfeierlichkeiten wurden von zwei verschiedenen „Kirchenlagern“ zelebriert: Karekin II. feierte in Etschmiadzin vor allem mit Vertretern der politischen Opposition, während Paschinjan, seine Anhänger und reformwillige Geistliche sich in der Kathedrale der Hl. Georgs des Erleuchters in Jerewan versammelten. Anschließend gab es einen Marsch und Kundgebung mit mehreren Tausenden Menschen, an der Bischof Anuschawan Zhamkochjan und Ministerpräsident Paschinjan den Beginn der Kirchenreform offiziell ankündigten. Darauf schlossen sich über 30 Gemeindepfarrer und Diakone aus vier Diözesen in Armenien der Initiative an.

Karekin II. reagierte sofort mit scharfen disziplinarischen Maßnahmen: sowohl der Vikar der Diözese der Schweiz, Gusan Altschanjan, als auch der Vorsteher der Diözese von Masjatzotn, Bischof Gevorg Saroyan, wurden abgesetzt. Dafür rief der Katholikos nicht einmal eine Disziplinarkommission ein, sondern traf die Entscheidung eigenmächtig. Dies wiederum veranlasste den Koordinationsrat zu einer noch schärferen Kritik am Katholikos. Der Rat erklärte, dass „jede Entscheidung, jedes Dekret […] jede Anweisung oder jeder Befehl, der von der Person auf dem Patriarchalthron erlassen wird, sowie jeder Rat, jede Kommission oder jede unter seinem Vorsitz organisierte Versammlung und jede private Gruppenentscheidung für die Gläubigen der Armenischen Apostolischen Heiligen Kirche illegitim“ sind.

Umstrittener Ort der nächsten Bischofssynode
Angesichts der innerkirchlichen Polarisierung gab der Katholikos schließlich doch zu, dass eine Bischofssynode nötig sei und diese vom 16. bis 19. Februar stattfinden soll. Als Versammlungsort wurde jedoch nicht Etschmiadzin oder ein anderer Ort in Armenien bestimmt, sondern die römisch-katholische Diözese St. Pölten in Österreich. Die Hierarchen des Koordinationsrats erklärten am 21. Januar jedoch ihre Absage und riefen alle anderen Bischöfe ebenfalls zum Abstand von einer derart „zweifelhaften Versammlung außerhalb des spirituellen Zentrums der Mutterkirche“ auf. Allerdings scherte Erzbischof Hovnan Terterjan, Primas der Westlichen Diözese der Armenischen Kirche in den USA, aus der kirchlichen Opposition aus und erklärte überraschend und ohne jegliche Absprache mit den anderen neun Bischöfen, dass er sowohl an der Bischofssynode in St. Pölten als auch an den anschließenden Sitzungen des Obersten Geistlichen Rates teilnehmen werde. Zudem wurde Bischof Gevorg Sarojan, der gegen seine Absetzung als Leiter der Diözese von Masjatzotn beim staatlichen Amtsgericht Berufung eingelegt hatte (da es in Armenien kein Kirchengericht gibt), mit einer „patriarchalen Anordnung“ am 27. Januar laisiert.

Vorläufiger Ausblick
Die jüngsten Entwicklungen haben die Spaltung unter den Geistlichen und Gläubigen der Armenischen Kirche vertieft. Die reformwilligen Hierarchen werden von den Oppositionspolitikern als „Tiradaw“ (arm. „Verräter des Herren“) oder als „Tiradawneri Herdzwatz“ (arm. „Die Sekte der Verräter des Herren“) bezeichnet.

Die enge Verbindung zwischen den verbliebenen neun Bischöfen und der Regierung ist in vielen Kreisen umstritten. Einige unabhängige Kritiker bezeichnen es als ein weiteres „zweifelhaftes Paschinjan-Projekt“. Manche unterstellen seiner Partei „billige Werbung“ vor den nächsten Parlamentswahlen, die im Juni 2026 stattfinden sollen. Die großen geopolitischen Interessen und kirchenpolitischen Einflüsse aus Russland werden dabei kaum wahrgenommen. Wie sich nun die anderen 48 Bischöfe in dieser Konstellation verhalten werden, ob sie nach St. Pölten reisen, bzw. welche Entscheidungen sie dort treffen werden, ist derzeit völlig offen.

Harutyun G. Harutyunyan, Dr. theol. Wissenschaftlicher Mitarbeiter und Lehrbeauftragter an der Theologischen Fakultät der Staatlichen Universität Jerewan, Armenien.

Bild: Kundgebung vor Kathedrale des Hl. Georgs des Erleuchters in Jerewan nach der Weihnachtsliturgie, mit der die kirchliche Reformbewegung offiziell gestartet wurde (Foto: FB Nikol Paschinjan).