Günther Schulz – ein Kenner und kritischer Freund der russischen Orthodoxie

nachruf schluzAm 30. Oktober 2022 verstarb in Schafstädt bei Merseburg Prof. Dr. Günther Schulz, ein hervorragender Kenner der Russischen Orthodoxen Kirche in Geschichte und Gegenwart und Förderer des Wissens über sie im deutschsprachigen Raum.

Günther Schulz wurde am 1. März 1936 in Lonke (Łąkie), Kreis Mogilno, geboren. Nach dem Abitur im Internatsgymnasium Schulpforta bei Naumburg 1953 studierte er von 1953 bis 1957 Russistik und Polonistik in Halle und trat in den Schuldienst ein. Doch 1958 entschied er sich für einen anderen Weg und nahm das Studium der Theologie am Katechetischen Oberseminar Naumburg auf, das seit 1949 außerhalb der staatlich vorgegebenen Strukturen des Hochschulwesens in der DDR aufgebaut worden war.

Das erste Theologische Examen erfolgte 1963, das zweite 1966. Im selben Jahr wurde Schulz zum Pastor ordiniert. Seit 1964 Assistent am Katechetischen Oberseminar, wandte sich Schulz unter dem Einfluss von Fairy von Lilienfeld der Geschichte der russischen Orthodoxie zu und verfasste seine Dissertation über den Starez Artemij, einen der profiliertesten nestjažateli, „Besitzlosen“, innerhalb des Mönchtums im Moskauer Reich der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts.

Er promovierte 1969 an der Universität Greifswald bei Ernst Kähler, der 1952 bis 1955 Rektor des Kirchlichen Oberseminars gewesen war; dieses selbst verfügte über kein Promotionsrecht. Die Dissertation erschien 1980 unter dem Titel „Die theologische Stellung des Starzen Artemij innerhalb der Bewegung der Besitzlosen im Rußland der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts“ in Erlangen in der von Fairy von Lilienfeld herausgegebenen Reihe „Oikonomia“. Anliegen von Schulz war zu zeigen, dass in den Schriften von Artemij ein innerorthodoxes kritisches Potential lag, das theologische Arbeit und orthodoxe Spiritualität in Russland gleichermaßen hätte fördern können. Doch dieses Potential sei wegen Artemijs Verurteilung 1554 durch seine Gegner aus den Reihen der „Erwerber“ nicht zum Tragen gekommen.

Die neueste Forschung geht zwar nicht mehr von einer stabilen Fraktionsbildung zwischen den „Erwerbern“, die auf das Bündnis von Machtkirche und Staat setzten, und den „Besitzlosen“ aus. Es bleiben aber die unterschiedlichen Akzentsetzungen: Während sich einerseits Klöster als Zentren einer liturgisch aufwendigen Totenfürsorge sahen, über Stiftungen großes Vermögen erwarben und in ihrer Baupolitik ihr Ansehen und ihre Fürbittmacht zum Ausdruck brachten, sahen doch manche Vertreter des Mönchtums dessen Hauptanliegen in individueller Askese und weltabgewandter geistlicher Vervollkommnung auf den Spuren der Wüstenväter. Die große Sympathie von Günther Schulz liegt klar bei diesem Verständnis von monastischer Kultur.

Von 1970 bis 1992 wirkte Günther Schulz als Dozent und später Professor für allgemeine, speziell für osteuropäische Kirchengeschichte am Naumburger Oberseminar. In der Zeit von 1974 bis 1990 nahm er an den wechselweise in der UdSSR und in der DDR durchgeführten sieben „Sagorsker Gesprächen“ zwischen Vertretern der Russischen Orthodoxen Kirche und des Bundes der Evangelischen Kirchen in der DDR teil. Mindestens so wichtig wie die inhaltliche Seite des Dialogs waren die persönlichen Begegnungen und das Gewinnen gegenseitigen Vertrauens.

1992 wurde Günther Schulz zum Professor für Kirchengeschichte und, mit dieser Stelle verbunden, zum Leiter des Ostkirchen-Institutes an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster berufen. Seit dieser Zeit kenne ich, von 1980 bis 2000 selbst in Münster am Historischen Seminar tätig, Günther Schulz persönlich. Er behandelte in seinen Lehrveranstaltungen Themen sowohl zu den östlichen Kirchen, vor allem zur Geschichte der Orthodoxen Kirche in Russland, als auch zu anderen Themen der Kirchengeschichte. Zum Beispiel im Sommersemester 1996 bot er als Vorlesung „Kirchengeschichte Rußlands von 1929 bis zur Gegenwart“ an, des Weiteren ein Hauptseminar „Sowjetische Religionspolitik 1917–1929“ gemeinsam mit dem Schreiber dieser Zeilen, eine Übung zu „Voten der Bischöfe zur russischen Kirchenreform von 1906“ und schließlich eine Übung gemeinsam mit Barbara Aland über Franz von Assisi.

In der Forschung stand während der Münsteraner Jahre die kirchliche Zeitgeschichte Russlands, konzentriert auf das Landeskonzil 1917/18 und auf das Wirken des Patriarchen Tichon (gest. 1925), im Vordergrund. In einem Brief aus dem Jahr 2017 hat Günther Schulz an mich geschrieben: „Das große Thema meines Lebens ist und bleibt das Landeskonzil (LK) der OKR 1917/18.“

Schon seit 1990 hatte Günther Schulz mit Recherchen in verschiedenen Moskauer Archiven begonnen, wobei ihm ein solides Netzwerk sowohl von russischen Theologen als auch Säkularhistorikern vor Ort immer wieder zur Seite stand. 1995 legte er die Monografie „Das Landeskonzil der Orthodoxen Kirche in Rußland 1917/18: Ein unbekanntes Reformpotential. Archivbestände und Editionen, Struktur und Arbeitsweise, Einberufung und Verlauf, Verabschiedung der neuen Gemeindeordnung“ vor. In der vom neugewählten Patriarchen Tichon befürworteten Hinwendung zum Prinzip der sobornost‘, „Konziliarität“, sah er eine große Chance für die Orthodoxe Kirche, sich unter den Bedingungen nach dem Sturz des Zarismus aus ihrer Stellung als autoritäre Staatskirche zu befreien – ein Anliegen, das innerkirchlich schon in den Reformdebatten 1905/06 eine Rolle gespielt hatte. Anstelle der Hierarchie sollten die Gemeinden wichtigster Träger der Kirchenstrukturen werden. Es war dann gerade die repressive und manipulative Kirchenpolitik der Bolschewiki, die die Ansätze innerkirchlicher Reformfähigkeit und -bereitschaft bald zum Erliegen kommen ließ. Es war aus der Sicht von Günther Schulz das Scheitern positiver Alternativen wie einst im Falle der Verurteilung seines „Helden“ Artemij. Und man mag ergänzen: In der Entwicklung der Russischen Orthodoxen Kirche von der Aufbruchstimmung der späten Perestrojka-Ära bis in die Gegenwart dürfte Günther Schulz den Weg zu einem weiteren Ausschließen besserer Optionen gesehen haben.  

Günther Schulz initiierte zudem ein Projekt, bei dem Aleksandr Kraveckij und Aleksandra Pletneva unter seiner Koordination ein detailliertes russischsprachiges Regestenwerk in drei Bänden zu den Akten des Landeskonzils erstellten: Svjaščennyj sobor Pravoslavnoj cerkvi 1917–1918 gg. Obzor dejanij, Bd. 1-3, Moskau 2000–2001.

Im Laufe der Jahre übersetzte Günther Schulz zahlreiche, bis dahin gar nicht oder kaum bekannte Schlüsseldokumente aus dem weiteren Umfeld des Vorgehens des Systems gegen Patriarch Tichon und dessen Versuche, für sich und seine Kirche Handlungsspielräume zu bewahren. Die ersten dieser Übersetzungen erschienen in der seit Langem am Münsteraner Ostkirchen-Institut beheimateten, seit 1992 von Günther Schulz herausgegebenen Zeitschrift „Kirche im Osten“. Schließlich erarbeitete Schulz gemeinsam mit Gisela Schröder und Timm Richter einen Band, der eine Kollektivmonografie wie auch eine umfangreiche Anthologie übersetzter Quellen sowohl kirchlicher Provenienz als auch aus dem Sowjetapparat, Geheimdienst und Parteiorganen umfasst: „Bolschewistische Herrschaft und Orthodoxe Kirche in Rußland. Das Landeskonzil 1917/1918. Quellen und Analysen“, Münster 2005.

Zu den Archivfunden, die Günther Schulz aus Moskau mitbrachte, gehörte der erste Teil der Protokolle der 1922 bis 1929 geheim wirkenden „Kommission zur Durchführung der Trennung der Kirche vom Staat“, inoffiziell auch „Antireligiöse Kommission“ genannt. Die Existenz dieser Kommission war erst Anfang der 1990er Jahre  allgemein bekannt geworden, nur einige Protokolle lagen publiziert vor. Günther Schulz gab nun den Anstoß, dass der Schreiber dieser Zeilen, regelmäßig mit ihm im Austausch stehend, Zusammensetzung, Arbeitsweise, Aufgaben und Zielsetzungen dieser Kommission analysierte und deren Protokolle schließlich 2007 in Übersetzung publizierte.

Zum Ende des Sommersemesters 2001 ging Günther Schulz in den Ruhestand. Die große Zuhörerschaft bei der Abschiedsvorlesung diente ihm als Forum, noch einmal auf die Chancen des Landeskonzils 1917/18 und die Bedeutung des Grundsatzes der Konziliarität zu verweisen. Er hat es gewiss bedauert, dass seine Professur nicht nachbesetzt wurde und dass das Ostkirchen-Institut nach einer Übergangsphase unter der Leitung von Peter Maser schließlich 2008 aufgelöst worden ist. Glücklicherweise blieb dabei die wertvolle Bibliothek als Einheit erhalten und wurde 2009 in die Bestände des Ökumenischen Instituts der Münsteraner Katholisch-Theologischen Bibliothek überführt.

Als ich Günther Schulz um 2007 einmal am Telefon fragte, ob er seine Forschungen zur kirchlichen Zeitgeschichte Russlands fortsetze, antwortete er mir, er habe sich nun wieder seinen „lieben Vätern“ zugewandt. Die damit verbundenen Forschungen führten zur Publikation eines Buches in Zusammenarbeit mit Jürgen Ziemer: „Mit Wüstenvätern und Wüstenmüttern im Gespräch: Zugänge zur Welt des frühen Mönchtums in Ägypten“, Göttingen 2010.

Günther Schulz und sein Werk haben ihren festen Platz in der Geschichte der deutschsprachigen Ostkirchenkunde; darauf verweist auch der vor wenigen Wochen erschienene Beitrag von Martin Illert: „Günther Schulz – Orthodoxie zwischen Tradition und Innovation“, in: Perspektiven der Ostkirchenkunde. Ausgewählte Ansätze evangelischer und katholischer Ostkirchenkundler“, Hgg. Martin Illert, Andriy Mykhaleyko, Paderborn 2022, S. 113-118.

Alle, die Günther Schulz kennengelernt haben, werden ihn als für sein Fach begeisterten, freundlichen, hilfsbereiten und für Anregungen offenen Kollegen und Gesprächspartner in Erinnerung behalten. Sein vielfältiges fachliches Wirken ist durch das reiche Oeuvre an Publikationen auch für die Zukunft bewahrt. 

Prof. Dr. Dr. h. c. Ludwig Steindorff, Historisches Seminar, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel.

 

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